Auf dem Weg zur Achtsamkeit

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Nachdem es in den siebziger Jahren so ausgesehen hatte, als würden manche Menschen Meditation als neuen Weg zum Heil ansehen, ist es inzwischen ruhiger geworden Allerdings beherrschen weitere Stichworte die Szene, die zumindest eine mittelbare Nähe zum Thema vermuten lassen: Esoterik, Sekte, New Age – Neues Zeitalter, Jugendreligionen, neue religiöse Bewegungen, Astro-logie, Magie, Psychokult usw.

Mit dem vorliegenden Heft soll versucht werden, dem Phänomen der Meditation nachzugehen und dieses in das weite Feld unterschiedlich strukturierter Spiritualität einzuordnen. Diese Einordnung soll natürlich nur eine vorläufige und vorsichtig orientierende sein, sie will nicht klassifizieren und abstempeln. Dabei spielt im Blick auf unseren Kulturkreis die durch das Christentum mitgeprägte Meditation natürlich eine erhebliche Rolle; dennoch werden auch eine Reihe von Verbindungslinien zu anderen Religionen, besonders aus dem Osten aufgezeigt. Es geht aber nicht nur darum, weltanschauliche oder religiöse Hintergründe zu benennen, sondern auch Konsequenzen für die Schule, überhaupt für Kinder und Jugendliche zu bedenken. In den neueren Lehrplänen finden sich beispielsweise verstärkt Hinweise, die dem affektiven, also nicht-kognitiven Lernen mehr Raum zu geben versuchen. Der Mensch soll als ein ganzer mit Körper, Seele und Geist verstanden werden. Diese Überlegungen lagen dem 1987 erschienenen ICT 3-Heft: „Meditation und Schule“ schon zugrunde. Wir haben uns zu dieser völlig überarbeiteten Neuausgabe entschlossen, weil das „alte“ Heft nun seit 12 Jahren unverändert auf dem Markt ist, und manche Dinge einfach der veränderten Situation angepasst werden mussten. Wir sind auch ermutigt, eine Neuausgabe zu starten, weil immer wieder Nachfragen gerade zu diesem Heft kamen.

Im Sinn der einfachen Gliederung der Iserlohner Con-Texte (ICT) folgen den mehr grundsätzlichen Beiträgen in Kapitel I: Meditation im Horizont spiritueller Lebensformen, die (unterrichts-)praktischen Anregungen in Kapitel II. In Kapitel III stellen wir exemplarisch einige „mystische“ Annäherungen vor. Es handelt sich um Meisterinnen und Meister aus der mystischen Tradition wie Hildegard von Bingen und Meister Eckhart. Wir schließen in Kapitel IV dann mit unterrichtsorientierten Rezensionen ab. In diesem Zusammenhang geben wir auch einige bibliografische Ein-Blicke, Momentaufnahmen aus der vielfältigen und faktisch nicht mehr zu überschauenden Literatur, verbunden mit einigen musikalischen Beispielen in Noten und CD-Hinweisen). Sie sollen ein eigenständiges Weiterarbeiten an ausgewählten Schwerpunkten ermöglichen. Wir haben darüber hinaus den Erzählungen aus und im Umfeld des Sufismus, der islamischen Mystik, besonderen Raum gegeben, weil sie nicht nur ungewöhnlich erfrischend sind, sondern oft genug auch noch nicht als Unterrichtshilfen „verbraucht“ wurden.

Wenn es in der Schule gelingt, verschüttete Quellen meditativer Tradition und spiritueller Praxis freizulegen und gleichzeitig entsprechend auf die gegenwärtige Situation zu übertragen, dann könnte sich hier ein Gegengewicht gegen eine immer stärker sich breitmachende Durchra-tionalisierung in unserer Welt ergeben, auch wenn wir mit einem solchen Heft natürlich keine meditativen Wunder erwarten.

Allerdings muss gerade die evangelische Theologie daran erinnert werden, dass es im Christentum einen breiten mystischen Strom gab und gibt, den sie zu Unrecht verdrängt hat. Sie hat sich damit einem rationalistischen und aufklärerischen Wissenschaftsbegriff verpflichtet, der sie für bestimmte Anfragen und Strömungen in und außerhalb der Kirche oft genug blind und taub gemacht hat. Die religiöse Subkultur und die religiöse „Szene” bei Kirchen- und Katholikentagen sowie im burgun-dischen Taizé sind Signale für Defizite, die es dringend aufzuarbeiten gilt.

Wie auch immer der Religionsunterricht ins Gerede gekommen sein mag, er hat die Chance zu betonen, dass Wissenschaft und Wissen keineswegs dasselbe sind und dass naturwissenschaft-liches Wissen und Weisheit zwar kein Gegensätze sein müssen, aber doch unterschiedliche Ebenen umgreifen. Glücklicherweise sind nun gerade die biblische Traditionen und die Kirchenge-schichte mit mystischem Reichtum gesättigt. Einige Zugänge finden sich in dem vorliegenden Heft.

Erinnert man sich weiterhin, dass auch die Schülerinnen und Schüler Vorerfahrungen bei der Meditation mitbringen (wenn auch unsystematisch), geht man schließlich davon aus, dass östliche Religionen im Unterricht beliebte Themen sind, dann werden hier Rahmenmarkierungen eines Unterrichts abgesteckt, der mehr ist als Textstudium, traditionelle Bildbetrachtung und Einübung in bestimmte Fertigkeiten und Wissensmuster.

Wenn das vorliegende Heft mit seinem programmatischen Titel „Auf dem Weg zur Achtsamkeit“ einen kleinen Beitrag für meditative Zugänge im Unterricht eröffnet, wäre dies immerhin auch ein Schritt auf eine Schule hin, die den ganzheitlichen Charakter von Erziehung heute wieder mehr betont.

Die Herausgeber: Paul Schwarzenau und Reinhard Kirste, im Herbst 1999

Das Buch können Sie hier lesen:
Auf dem Weg zur Achtsamkeit Nr. 15

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