Reflections of Amma. Devotees in a Global Embrace

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Rezension von Dr. Alice Schumann

Lucia, Amanda J.: Reflections of Amma. Devotees in a Global Embrace. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 2014. XVI, 304 S., 12 Abb. 8°. Brosch. $ 29,95. ISBN 978-0-520-28114-1.

Amanda Lucias Forschung beschäftigt sich mit Begegnungen zwischen Hinduismus und amerikanischen Religionen. Ihr Buch, “Reflections of Amma: Devotees in a Global Embrace“ (dt. Reflektionen von Amma: Devotees/Anhänger in einer globalen Umarmung), ist eine ethnografisch qualitative Untersuchung von Transnationalismus und Geschlecht in einer globalen Guru-Bewegung.

Im Rahmen ihrer Guru-Studien, bei denen sie bis dahin vorwiegend männliche indische Gurus und Asketen in Indien interviewt hatte, stößt die Autorin auf einen Devotee (Anhänger) von Guru Amma. Erst acht Jahre danach trifft sie Amma persönlich, nicht in Indien, sondern auf einer Veranstaltung in Napervill (USA). Die Besonderheiten dieser neuartigen Guru-Bewegung erwecken ihr Interesse und ihre Faszination, sodass ihre mehrjährigen Untersuchungen, Beobachtungen und Erlebnisse Gegenstand ihrer Dissertation und ihres ersten und umfangreichen Buches werden.

Mata Amritanandamayi, kurz Amma (‘Mutter’) genannt, wurde 1953 in einem kleinen und armen südindischen Fischerdorf in einer niedrigen Kaste geboren. Schon als Kind pflegte sie Menschen in ihrer Nachbarschaft zu trösten und zu umarmen, obwohl sie damit an die traditionellen Grenzen der Reinheitsgebote stieß. Mitglieder einer niedrigen Kaste dürfen nicht Menschen mit einem höheren Status berühren, und das schon gar nicht als Frau. Doch mit der Zeit überzeugte sie mit ihrem authentischen Mitgefühl, dem Trost und der Liebe auch ihre Kritiker, die sich schließlich ebenfalls von ihr umarmen ließen. Mit 25 Jahren zeigte sie ekstatische Bhāvas (Gemütszustand göttlicher Liebe), bei denen sie mit indischen Göttern wie Krishna oder der furchterregenden Kali zu verschmelzen schien und von da an von vielen Anhängern als Heilige, göttliche Inkarnation oder Avatar angesehen wurde. Seitdem lädt sie regelmäßig zu Veranstaltungen ein, in denen sie jeden Besucher umarmt, sich mit der Hindu-Göttin Kali oder Lalita gleichsetzt, die Ermächtigung aller Frauen und eine universelle Mutterschaft in den Herzen und Gedanken aller ihrer Anhänger, ob Frauen oder Männer, fordert.

In den späten 1970er Jahren errichtete diese “von Gott ermächtigte Seele” in ihrem Heimatdorf einen Ashram. Mit ihrer Hauptbotschaft “Love and Serve” sammelte sie erstaunliche Geldbeträge für humanitäre Zwecke und spendete große Beträge für Sozialprogramme in Indien. Amma setzt sich für die Rechte der Frauen ein und engagiert sich für Frauen auf der ganzen Welt.

Als mittlerweile berühmteste weibliche Guru in Indien und international bekannt als “the hugging saint (“die umarmende Heilige”, oder in Deutschland auch lokonisch “Schmuse-Guru” genannt) vermag sie täglich 10.000 einzelne Menschen zu umarmen. Bisher gab sie weltweit rund 40 Millionen Umarmungen. Ihre Millionen Anhänger betrachten sie als (Avatar-)Guru und/oder Göttin, als eine lebendige Verkörperung des Göttlichen auf Erden, oder einfach als universale Mutter (Amma). Dementsprechend gründete sie zahlreiche Hilfsprogramme unter dem Namen ETW (“Embrazing the World”).

Die Autorin Lucia wendet in ihrer Arbeit neuere Methoden vielseitiger (multisited) ethnografischer Untersuchungen an, um ein umfassendes Portrait von Amma und ihrer Bewegung zu erstellen. Mit persönlicher Segnung und damit Autorisation von Amma für ihre Arbeit begleitet und analysiert die Autorin Ammas Bewegung über neun Jahre hinweg. Sie besucht Ammas Veranstaltungen an zahlreichen Orten in den USA und in Indien, und auch Satsangs (Gemeindetreffen), die von den Anhängern in Abwesenheit von Amma stattfinden.

Anhand ihrer eigenen Aufzeichnungen zahlreicher Interviews mit Ammas Anhängern, sowohl aus der Gruppe der nach Amerika immigrierten Inder, die sie hier als “inheritors” (Erben hinduistischer Tradition) bezeichnet, als auch “amerikanischer Metaphysiker” oder “Adopters” (Adoptierer der hinduistischen Tradition) sammelt sie Eindrücke, Emotionen, Wahrnehmungen und Erfahrungen und wertet sie aus. Dabei wendet sie die erweiterte Fallmethode (“Extended Case Method”) an, die darin bestehe, “durch Studium des Mikrokosmos den Makrokosmos aufzudecken”: durch Beobachten der Teilnehmer erstellen Ethnographen ein Fenster, durch das sie religiöse Diskurse und Praktiken und ihren Anspruch auf transzendente Autorität “lesen” und dekonsturieren können. Besonders interessant ist diese Methode auch deshalb, weil sich die Autorin selbst in die analytische Feldstudie miteinbezieht. Die eigenen Veränderungen und die “Akkulturation”, die sich im Laufe der Zeit vollziehen, sieht sie als Anzeichen dafür, was andere Neulinge in der Bewegung erleben könnten. Um so viel vertrauliche Informationen wie möglich zu erhalten, bewegt sie sich wie ein “Kamälion” innerhalb Ammas Gemeinschaft. Mit konsequenter Bemühung um Vertrauen beabsichtigt sie, eine analytische, aber dennoch mitfühlende Sichtweise auf Ammas Organisation zu vertreten.

Sie hört sich sehr intime und persönliche Geschichten an, die ihr verraten, aus welchen Gründen die Menschen auf der ganzen Welt ihr Vertrauen in Amma setzen und ihr Leben nach ihr gestalten. Diese ethnografische Erzählung entfaltet sich in der Gegenüberstellung von Institutionellem und Persönlichem.

Angesichts einer wissenschaftlichen Untersuchung überrascht Lucia zunächst mit ihrer Einführung. In detaillierter und narrativer und durchaus unterhaltsamen Art und Weise beschreibt sie ihre Eindrücke bei dem ersten Besuch von Ammas Veranstaltungen (in Naperville, Illinois, 2004). Damit versetzt sie den Leser direkt in die Gegenwart Ammas und in die Atmosphäre hinduistischer Ritualität und Andacht. Persönliche Erlebnisbeschreibungen und kleine Gedichte oder Weisheiten von Amma und ihren Anhängern tauchen immer wieder in ihrer Arbeit auf und wechseln sich in leserisch angenehmer Weise mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ab.

Kapitel eins beginnt mit einer neuartigen Analyse der hinduistischen Praxis des Darshan, bei der Taktilität (Tastempfindungen) in das einbezogen wird, was oft als visueller Prozess präsentiert wird. Bekannterweise bedeutet Darshan in der hinduistischen Tradition die Erfahrung, Gott zu betrachten und auch von ihm betrachtet zu werden, wie man es von einem Murti (einer göttlichen Figur) in einem hinduistischen Tempel oder auch bei der Zusammenkunft von Guru und Schüler kennt.

Lucia behauptet, dass diese körperliche Umarmung, obwohl sie innovativ ist, bereits im Konzept des Darshans enthalten ist, in dem “Sehen” in direktem Zusammenhang mit Einnahme, Transformation und der Idee der körperlichen Begegnung mit dem Göttlichen steht. Die taktile Erfahrung der Umarmung soll für die Anhänger und Besucher zum Barometer für die Authentizität Ammas werden. Eine sehr begehrte Qualität dieser Gewissheit, die für die Anhänger der Bewegung von entscheidender Bedeutung ist.

Im zweiten Kapitel macht die Autorin uns mit einem weiteren Darshan-Erlebnis bei Amma, dem Devī Bhāva, bekannt. Das ist eine ekstatische Darbietung, bei der Amma nicht mehr im schlichten weißen Sari ihre Umarmungen verteilt, sondern sich in opulenter und glanzvoller Kleidung mit Krone und Blumengirlanden um den Hals performativ mit einer Hindu-Göttin gleichsetzt. Devī Bhāvas waren einst unvorhersehbare, ekstatische Erlebnisse in Ammas Biographie, die nun jedoch vorhersehbar, geplant und institutionalisiert sind. Sie selbst erlebte diese ekstatischen Bhāvas spontan ab ihrem 25. Lebensjahr. Doch bei diesen soll sie sich nach den Aussagen eines älteren Devotees zunächst als den lotusäugigen Gott Krishna, dann als die furchterregende Göttin Kali dargestellt haben. Diese sei aber nun friedlich geworden zu Lalitambika, die Mutter für ihre Kinder. Lucia stellt fest, dass diese Devi-Bhāvas dem jeweiligen Publikum angepasst sind, da die furchterregende Gestalt der Kali-Göttin für westliche Vorstellungen als unzumutbar gilt. Lucia meint, diese Performation auf einer öffentlichen Bühne soll dazu dienen, ihre vermeintlichen übermenschlichen Qualitäten zu demonstrieren. Sie räumt allerdings auch ein, dass sie nie von Amma selbst gehört habe, dass sie eine Göttin sei.

Das ist einerseits etwas widersprüchlich, lässt sich jedoch meines Erachtens in der hinduistischen Religiosität begründen. Diese Art der “Anbetung” stößt erfahrungsgemäß bei Angehörigen der abrahamitischen Religionen auf die Kritik des Götzendienstes oder gar Scharlatanerie, da es neben dem einen Gott keinen anderen gibt. Für die indischen Hindus gibt es letztlich auch nur einen einzigen höchsten Gott, aber es gibt viele Weisen, wie dieses Göttliche sich manifestiert. Und Pantheon heißt “alles Gott“, Pantheon heißt also die verschiedenen Arten und Weisen, wie der allmächtige Gott sich manifestiert.

Bei dem zu verehrenden Objekt geht es nicht um den persönlichen Gott an sich, sondern um Gott, der sich in einer Bildgestalt, einer Person oder anderen Objekten manifestieren kann. Der Gedanke dahinter ist: wenn Gott überall ist, warum sollte er sich dann nicht auch in Bildgestalten oder Personen – wenn auch zeitweise – offenbaren können?

Das dritte Kapitel befasst sich mit Ammas Aktivitäten und Botschaften, in denen sowohl Frauen als menschliche Vertreterinnen hinduistischer Göttinnen betrachtet werden, als auch Göttinnenbilder verwendet werden, um Frauen zu stärken.

Auch hier geht Amma neue Wege, indem sie weibliche Anhänger in Positionen religiöser und ritueller Führung einsetzt, die traditionell nur von Männern besetzt werden. Lucia meint, Amma stehe für sich allein als unabhängige weibliche Autorität, die keiner bestimmten Sampradaya (hinduistische Traditionslinie) oder Parampara (Guru-Schülernachfoge) angehöre, sondern in eigener Verantwortung innovativ handele.

Ihre humanitären Programme in Indien wirken sich direkt auf die Realität von Frauen aus. Bei der Analyse von Ammas Theologie legt Lucia ihren Schwerpunkt auf ihre frauenzentrierte Kritik und Botschaft einer universellen Mutterschaft, im Geiste und im Herzen sowohl von Frauen wie auch von Männern.

Im vierten Kapitel lässt Lucia vorwiegend die Anhänger Ammas zu Wort kommen. Wie stehen sie zu Ammas universellen Mutterschaft oder wie interpretieren sie ihre frauenzentrierte Botschaft? Wird sie nach kulturellen Gesichtspunkten differenziert wahrgenommen?

Lucia ordnet Ammas Göttinnenrhetorik bei indischen Hindus einem advaita vedantischen (Wesenseinheit von individueller Seele und Weltseele) Kontext zu, demnach alle Differenzen dem universellen Gleichgewicht unterzuordnen sind. Die amerikanischen Anhänger hingegen erfüllt Ammas Rhetorik mit einer feministischen Politik, die auf “Differenzierung” der Geschlechter beruht. Beide Bevölkerungsgruppen stimmen jedoch mit der Botschaft ihrer “Matrifokalität” (Mutterzentriertheit) überein.

Im fünften Kapitel geht es um die Herausforderung dieser transnationalen Bewegung, gesellschaftliche Klassifikationen zu überschreiten und Brücken zwischen den Kontinenten und den religiösen Traditionen zu schlagen, indem Unterschiede abgewertet und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, Kulturen und Religionen betont werden sollen.  Jeder, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Nationalität, Religion, Wohlbefinden, Hygiene, geistiger Verfassung oder Moral kann kostenlos an den Darshan-Programmen teilnehmen und wird von Amma umarmt. Ebenso verhält es sich mit den Satsangs (Gemeindetreffen in Ammas Abwesenheit) und Sonderveranstaltungen. Lucia befasst sich eingehend mit den Besuchern und der besonderen Begegnung indischer “Erben” und “amerikanischer Metaphysiker”, und wie sich die tief verwurzelten und institutionalisierten sozialen Unterschiede auflösen, wenn sie sich Amma nähern.

Das Fazit beginnt wiederum mit einer lebendigen Erlebnisbeschreibung der Autorin bei einem Shakti-Fest, das in den USA von amerikanischen Devotees in Ammas Abwesenheit gefeiert wird. Dabei gibt es “keine Kluft zwischen diesen Individuen und der Göttlichen Mutter”. Mimetisch werden die Eigenschaften der göttlichen Mutter nachgeahmt und verkörpert. Dabei werden Kirtans (Mantragesänge) abgehalten, die denen von ISKCON (Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein) ähneln. Ihr fällt auf, dass hier kaum indische Erben teilnehmen, und umgekehrt die immigrierten Inder das Shakti-Fest am selben Tag in ihrer eigenen Gemeinde vermutlich ohne amerikanische Adoptierer feiern. Sie zieht Rückschlüsse über die Dialektik zwischen den Anhängern der beiden Bevölkerungsgruppen und geht der Frage nach, wie kulturelle Begegnungen die Bewegung beim Übergang von lokaler Präsenz (in Indien) zur globalen Institution prägen.

Die Gemeindemitglieder indischer “Erben” beispielsweise vermögen Amma ohne weiteres in den hinduistischen Pantheon als Heilige, Inkarnation oder Avatar-Guru einzureihen. Für die meisten indischen Hindus spricht die Tatsache, dass Amma die hinduistische Göttin repräsentiert und verkörpert, nicht für eine feministische Politik, die dazu anhält, patriarchalische Strukturen abzuschaffen.

Bei den amerikanischen Metaphysikern und Suchenden erinnert die Rezeption und das Verhalten bei den Satsangs einerseits an die Suche nach Spiritualität und Selbstverwirklichung wie bei den seit den 60er Jahren bekannten Guru-Bewegungen in den USA. Zum anderen sehen sie Amma als Symbol universaler Mutterschaft und Stärkung weiblicher Kraft und Macht, die in der Welt unterbesetzt ist, was besonders bei amerikanischen Feministinnen unter ihnen Anklang findet.

Zuweilen entstehen Spannungen zwischen den beiden Gruppen, die beispielsweise daher rühren können, dass sich indische Anhänger durch ihre indisch-hinduistische Herkunft als privilegiertere Devotees und Amma näher stehend sehen.

Lucia geht auf die über das Jahr verteilten Satsangs näher ein. Immigrierte indische Hindus möchten ihr hinduistisches Umfeld wiederherstellen durch das Feiern und Wiederaufleben religiöser Praktiken und das Unterrichten der Kinder in ihrer Religion. Für sie bietet Ammas Bewegung eine direkte Guru-Erfahrung (wobei viele glauben, dass sie ein Avatar ist), die ihre Teilnahme an traditioneller hinduistischer Religiosität verstärkt. Ihnen ist die Gemeinde zusammen mit ihren Familien wichtig.

Den amerikanischen “Adoptieren” geht es um die Suche nach spiritueller Verwirklichung und Erleuchtung. Dabei behalten einige ihre mitgebrachten Religionen bei, wozu Amma auch ihre Anhänger ermutigt. Diese Unterschiede spiegeln sich dann auch in der amerikanischen kirchlichen Allgemeingesellschaft wider, indem die Satsang-Gemeinschaft der Erben als “enthnische Kirchen” bezeichnet werden, und die aus Amerika stammenden als “Kulte”, weil sie Teil einer “abweichenden Tradition” sind.

Lucia konstatiert, dass neue religiöse Bewegungen und asiatische Religionen, wenn sie in den Vereinigten Staaten ihre Fundamente gründen, sich dem “de facto Kongregationalismus” (“selbst auferlegte Bindung von Gemeinschaften zu exklusiven und homogenen Anbetungsgruppen”) anpassen und ähnliche Präferenzen für die Homogenität der Gemeinschaft aufweisen. Genauso, wie in den USA es bisher trotz erheblicher Bemühungen nicht gelungen war, Christen in gemischtrassige Gemeinden zu integrieren, sieht sie auch hier die Zersplitterung in kleine oder größere, kulturell bedingte, spirituelle und traditionelle in sich homogene Gemeinden mit dem Ziel der Selbstidentifikation. Dies geschieht nicht nur wegen verschiedener Präferenzen, sondern um sich als Minderheit in der amerikanischen Religionslandschaft zu behaupten. Es scheine, so Lucia, für die Geschichte des sich selbst gefälligen Multikulturalismus in Amerika bezeichnend zu sein, dass zugegebenermaßen genügend Raum für eine Vielfalt von Religionen vorhanden sei, aber auch dafür, dass sich religiöse Minderheiten isolieren und isoliert werden. Zwar toleriert die Gesellschaft viele verschiedene Glaubensrichtungen, doch hat das nicht zur Interreligiosität, sondern zu vielen Abspaltungen einzelner Minderheiten geführt, da die Akzeptanz innerhalb strenger Grenzen sozial akzeptablen Verhaltens seitens einer immer noch überwiegend protestantisch geneigten Bevölkerung “stagniert”.

Auch hinsichtlich Ammas Privilegierung der Weiblichkeit räumt Lucia eine historische Interpretation ein. Dabei fragt sie sich, warum Amma glaubt, dass ihre Privilegierung des Weiblichen eine notwendige Korrektur für das ist, was sie für die Hypermaskulinisierung von Gesellschaft und Religion hält?

Die Privilegierung des Weiblichen kann als Antwort auf die historisch geschlechtsspezifischen Konstruktionen der hinduistischen Religiosität, die die koloniale Regierungsgewalt verdinglichten, verstanden werden.

Die kolonialen und missionarischen Zugänge in Indien fanden während der Aufklärungszeit statt und waren von darwinistischer Rassentheorie geprägt, mit ihren männlichen Idealen der Rationalität, Wissenschaft, Monotheismus und Ethik. Ihre Gegensätze – Magie, Irrationalität, Götzendienst, Animismus, Hingabe, Erfahrung und Ritual – wurden größtenteils als weiblicher Ausdruck kindlicher und rückständiger Völker verurteilt. Europäische Kolonialinterventionisten glaubten, sie halfen dem Osten bei der menschlichen Entwicklung und dem Fortschritt und zivilisierten den Rest der Welt nach ihrem Bild.

Lucia behauptet, als Reaktion darauf sei von seiten der Hindus der weibliche Aspekt hinduistischer Göttlichkeit weitgehend ausgeblendet worden, um den Hinduismus gegenüber der westlichen Welt als ebenso maskulin zu verteidigen und zu propagieren. Der hinduistische Mönch und Gelehrte Swami Vivekananda (1863-1902) habe in seiner Rede als erster Hindu vor dem Weltparlament der Religionen im Jahr 1893 den monistisch maskulinen Aspekt des Hinduismus propagiert und bewusst den Göttinnenaspekt ausgeklammert.

Das kommt jedoch in seiner Rede nicht vor und erscheint widersprüchlich, zumal er anfangs als höchstes Ziel den Gott Krishna und die Vielfalt des Hinduismus mit seinen verschiedenen Yoga-Pfaden beschreibt.

Doch scheint es zu bestätigen, dass er genau wie Amma auch versucht, die jeweilig passenden Yoga-Pfade oder spezifischen Aspekte des Hinduismus dem kulturell bedingten Auffassungsvermögen seines Gegenübers anzupassen, um Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen. Als Grundlage verwendet er, wie Amma auch, den advaita vedantischen Ansatz der Einheit von ātman (Einzelseele) und brahman (Weltseele). Zudem räumt er zurecht für den Hinduismus ein, dass der so genannte Götzendienst nicht wie im Christentum verpönt ist. Bis auf die innovative, ausdrückliche Privilegierung des Weiblichen und Mütterlichen entsprechen seine Darstellungen denen, die Lucia hier von Amma zitiert. Doch wie Amma scheint seine Botschaft im Heimatland unter seinen Landsleuten kämpferischer auszufallen. Nicht nur er vermied es, vor westlichem Publikum über die furcherregende Göttin Kali zu sprechen. Auch Amma präsentiert sich im Westen nicht wie in Indien als Kali, sondern als friedliche Lalita. Mit der Gründung des Rama-Krishna-Ordens setzte auch er sich für Frauenbildung und -rechte in Indien ein.

Gründer der ISKCON (Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein) Swami Prabhupada (1896-1977) kam 1965 in die USA und propagierte den bhakti-yoga-Pfad der Liebe und Hingabe zu dem Gott Krishna, ein bisweilen wenig propagierter Aspekt des Hinduismus im Westen.

Als 1987 Amma in die USA kam, wählte sie als erste weibliche Guru eine Kombination aus Advaita-Vedanta-Philosophie und Bhakti-Devotionalismus, womit sie das “Nebeneinander der beiden populärsten Bewegungen repräsentiert, die aus der Hindu-Religiosität der Amerikaner stammen: Vivekanandas Advaita-Vedanta-inspirierte Vedanta-Gesellschaften und A. C. Bhaktivedanta Prabhupadas Bhakti zentrierte ISKCON-Bewegung”. Sie ergänzt die hinduistische Traditionalität mit dem bislang wenig beachteten Göttinnen-Aspekt, propagiert die Matrifokalität und führt Innovationen hinsichtlich weiblicher Privilegien –  und vor allem ihre Umarmungen – ein.

Amma versucht stets, Differenzen und Spannungen der beiden Bevölkerungsgruppen zu harmonisieren, indem sie sagt: “Meine Religion ist Liebe”, oder dass alle ihre Kinder seien. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass diese Diskussionen für die Zehntausenden von Anhängern völlig irrelevant sind. Ihnen geht es um Herzenserfahrung, innere Ekstase, die innige Verbindung zwischen Devotees und Amma und die Auflösung des Selbst in der Umarmung. Für viele in dieser “Darshan-Schlange” lohne es sich zu warten, bis eine solche Erfahrung möglich sei.

Als sehr hilfreich erweisen sich Lucias Kommentare zur aktuellen Literatur auf dem Gebiet der zeitgenössischen Gurus im nordamerikanischen Kontext im Anhang. Dabei merkt sie an, dass gerade bei diesem Thema eine ausgewogene Literatur selten aufzufinden sei und stellt fest, dass “Anhänger das Feld der Veröffentlichungen mit glühenden positiven Berichten füllen, während ehemalige Anhänger das Gleiche mit ihren vernichtenden Kritiken tun”. Es gebe nur einen geringen Prozentsatz von aktiven Stimmen auf diesem Gebiet, der versuche, Grenzpositionen zwischen diesen beiden Polaritäten einzunehmen. Meines Erachtens präsentiert Lucia mit dieser umfangreichen Arbeit einen sehr ausgewogenen und empfehlenswerten Beitrag zu den “Zwischenräumen”.

Ihre Untersuchungen sind sehr sorgfältig und präzise ausgearbeitet und decken viele Fachbereiche ab, von ethnologischen, religionswissenschaftlichen, theologischen und religionsgeschichtlichen bis hin zu religionssoziologischen.

Ihr Schwerpunkt sind Reflektionen, Empfindungen und Erfahrungen von Ammas Anhängern sowie ihrer eigenen. Ebenso fragt sie danach, inwiefern Herkunft und Prägung die Akzeptanz und das Verhalten innerhalb der Bewegung beeinflussen. Ohne weiteres kann man mit derartigen Untersuchungen auch Rückschlüsse auf Religionen generell ziehen. Denn Religionen entstehen nicht nur aus ihren Anführern, sondern entfalten und definieren sich insbesondere durch die Reflexionen ihrer Anhänger. Wie könnte man eine Religionsgemeinschaft oder -bewegung besser analysieren, als sie durch die Perpektive ihrer Gläubigen zu betrachten?

Mit dieser detaillierten ethnographischen Arbeit leistet Lucia einen hervorragenden Beitrag, der (auch hierzulande) beispielhaft für die Darstellung und Bewertung von Religionen ist. Denn eine Religionsgemeinschaft lässt sich nur mit Empathie analysieren. Und für diese lautet der Preis, sich intensiv mit ihr befasst zu haben. Lucia ist zumindest für neun Jahre sprichwörtlich in sie eingetaucht.