Groteske Nachbarschaftserfahrungen

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Durch Migration werden kulturelle Unterschiede besonders deutlich. Vor dem Hintergrund der eigenen kulturellen Gepflogenheiten knüpfen wir Erwartungen an die Menschen des anderen Kulturkreises und werden zwangsläufig immer wieder enttäuscht, wenn wir die Regeln der Kommunikation des anderen Kulturkreises nicht kennen. Diese Erfahrung müssen Bürger türkischer Herkunft oft machen. Aber auch Deutsche haben nicht selten Erwartungen an ihre neuen Mitbürger oder Nachbarn, die auf falschen Annahmen beruhen. Dazu möchte ich ein Beispiel geben.

Was tut man, wenn man in der Türkei in eine andere Stadt oder in ein neues Stadtviertel umzieht? Nichts. Nach kurzer Zeit werden die Nachbarn- einer nach dem anderen – Sie besuchen, um „Hoş geldiniz!“ (Herzlich willkommen) zu sagen. Das ist selbstverständlich.

Und wie ist es in Deutschland? Genau umgekehrt. Derjenige, der neu zuzieht, stellt sich bei seinen neuen Nachbarn vor. Wenn man also als neu Hinzugezogener auf einen Besuch seiner neuen Nachbarn wartet, dann wartet man vergebens. Denn man muss sich selbst vorstellen oder sie einladen. Wenn man als Türke in eine deutsche Nachbarschaft zieht, muss man dabei auch einige Vorbehalte ausräumen und zeigen: „Schaut mal, ich bin genauso ein Mensch wie ihr.“

Dazu möchte ich von einer kleinen Begebenheit erzählen. Vor kurzem sind wir umgezogen und haben unsere neuen direkten Nachbarn zu uns eingeladen: ein älteres Ehepaar etwa im Alter von 78 und 80 Jahren und ein Ehepaar im mittleren Alter. Können Sie sich vorstellen, dass die älteren Eheleute in ihrem Leben zum ersten Mal eine türkische bzw. muslimische Familie besuchten? Vermutlich schon. Wie interessant und gleichzeitig befremdlich war für Sie schon bei der Begrüßung das Ausziehen der Schuhe!

Nachdem unsere Gäste sich in Haus und Garten umgeschaut hatten, fingen wir sofort an, über unsere kulturellen Unterschiede zu sprechen. Die alte Dame sprach Klartext: „Wenn Sie uns nicht eingeladen hätten, hätten wir uns bestimmt jahrelang nicht kennengelernt.“ Ich wusste, dass in ihren Köpfen ähnliche Gedanken ablaufen würden wie anfangs bei unseren anderen deutschen Freunden. Und so erzählten sie weiter: „In unserer Umgebung wohnten keine Türken. Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, wie Sie sind, wie gepflegt Sie sind, ob Sie sich hier integrieren würden, ob Sie gefährlich sind etc…“.

Man steht im Fokus der dort Ansässigen und manche Blicke verraten die Irritation und die Befürchtungen, mit denen man betrachtet wird. Ihr Haus, ihr Garten und alles, was sie tun und lassen, wird kritisch begutachtet: Ist der Rasen gemäht und das Unkraut zwischen den Steinen vernichtet? Werden die Mülltonnen gerade hingestellt? Können diese Fragen mit Ja beantwortet werden, ist man Ihnen wohlgesonnen. Die Gewissheit, dass Sie weder salafistisch noch islamistisch orientiert sind, wird für Ihre neuen Nachbarn aber mindestens genauso wichtig sein, um akzeptiert zu werden. Fragen nach der religiösen Ausrichtung werden zwar selten direkt gestellt, sie sind aber unterschwellig immer präsent. Und ich glaube, es ist wichtig, diesen Ängsten zu begegnen, auch wenn man sich dadurch zu Unrecht in Rechtfertigungszwang sieht.

Die Begegnung im Alltag und das gegenseitige Einladen sind der Schlüssel zu einer gelungenen Integration und zum Ausräumen von Vorurteilen auf beiden Seiten. Wenn man türkischen Tee und Kuchen, Süßigkeiten oder Teigspezialitäten serviert, funktioniert die Integration auf beste Weise. Dann gibt es viel Lob: „Oh, das schmeckt aber gut!“ Unsere Gastfreundschaft bietet uns so viele Möglichkeiten, Hemmschwellen abzubauen und in Kontakt zu kommen! Wir müssen sie nutzen, auch wenn wir uns manchmal mehr Einladungen von deutscher Seite wünschen würden.

Am Ende verließen uns unsere neuen Nachbarn mit einem Lächeln. Beim Empfang war die Distanz zwischen uns groß und beim Abschied hatten sie und auch wir das Gefühl, dass wir uns trotz einiger Unterschiede sehr nahe sind. Vielleicht fragen sie sich sogar, warum sie nicht schon viel eher mit unserem Kulturkreis in Berührung gekommen sind und nicht schon eher eine türkische Familie kennengelernt haben, obwohl es doch so viele türkischstämmige Mitbürger gibt. Und uns wurde bewusst, wie sehr wir selbst die Initiative ergreifen müssen, weil deutsche Gepflogenheiten manchmal anders sind. Beim Abschied kündigten unsere Gäste übrigens eine Gegeneinladung an, auf die wir uns sehr freuten.

Einige Monate später kam nur eine Einladung, die wir gerne wahrgenommen haben. Die Gastgeber hatten sich viel Mühe gegeben und bewirteten uns mit mehreren selbstgemachten Kuchen. Mit den eingeladenen anderen Nachbarn haben wir zusammen gegessen und uns unterhalten. Der alte Mann war Geologe war und zeigt uns viele Steine und Schmuckstücke, die er aus vielen Ländern als Erinnerung mitgebracht hatte und die nun das Wohnzimmer dekorierten.

In der darauffolgenden Zeit konnten wir uns nur draußen begrüßen, manchmal kurz unterhalten. Nach zwei Jahren schien es uns wieder an der Zeit, sie erneut einzuladen. Meine Frau hatte diese Aufgabe übernommen. Die Nachbarin lehnte die erste Einladung wegen der heißen Wetterbedingung, die zweite wegen des regnerischen Wetters freundlich ab. Alle guten Dinge sind ja drei. Meine Frau sprach eine dritte Einladung aus. Die Nachbarin fand dieses Mal einen Grund, den wir uns nie hätten vorstellen können. Sie möchte ihre Schuhe nicht ausziehen, da sie sich dadurch nackt fühle. Um im Garten zu sitzen, war schon das Wetter schon nicht mehr günstig. Und war es uns auch klar, dass sie uns anscheinend nicht mehr besuchen wollten. Leider ist die Integration, um die wir uns so bemüht hatten, in diesem Fall gescheitert! Wenn wir in der direkten Nachbarschaft noch nicht mal gemeinsam Kaffee bzw. Tee trinken können, was bringen dann all diese Diskussionen um die Integration?

Mein einziger Trost ist, dass es sich hier um keine ungewöhnliche Entwicklung handelt. Nachbarschaft wird in Deutschland nur in einigen Kreisen durch gegenseitiges Besuchen und gemeinsame Aktivitäten wie Nachbarschaftsfeste gepflegt, z.B. auf dem Land oder in manchen Siedlungen, die gemeinsam gebaut wurden. Generell kann man sagen, dass die Distanz mit dem Bildungsgrad und dem Wohlstandslevel steigt. Dass die alte Dame die Schuhe nicht ausziehen möchte, ist es auch nicht verwunderlich. Denn die Füße werden gerade bei Älteren hier als intim empfunden. Man zieht die Schuhe nur im eigenen Haus aus, wenn kein Besuch da ist. Barfuß zeigt man sich nicht gern. Sandalen machen da schon einen großen Unterschied, obwohl er ja objektiv gering ist.

Aber ich denke weder utopisch noch dystopisch, dazwischen stehe ich nun. Ich hätte gedacht, wir könnten zu einem funktionierenden, nachbarschaftlichen Miteinander finden und würden gute Beziehungen mit den deutschen Nachbarn pflegen. Obwohl wir mit der näheren Nachbarschaft nun nur gelegentlich kurze Gespräche führen, fühlen wir uns aber in unserer neuen Umgebung sehr heimisch, auch ohne gegenseitigen Besuch. Und da konnten wir uns den deutschen Gepflogenheiten ein bisschen anpassen!

Muhammet Mertek