20. Jahrestag der Anschläge am 11. September in New York

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Der 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 ist vielerlei Hinsicht ein Anlass zum Innehalten und zur Besinnung.
An erster Stelle steht natürlich erneut und wieder das Gedenken an die Tausenden von Opfern, die dieser brutale und menschenverachtende Terroranschlag gekostet hat. Darunter auch viele Feuerwehrleute, die im Rettungseinsatz für andere gestorben sind. Mögen Sie niemals in Vergessenheit geraten und eine bleibende Mahnung für die verheerenden und todbringenden Folgen einer politischen Gesinnung sein, die auf Gewalt und Zerstörung setzt.
Nach dem Anschlag rief der damalige US-Präsident George W. Bush den „war on terror“ aus und veranlasste militärische Interventionen in Afghanistan und im Irak, die erneut tausende von Toten gekostet haben und sich im Blick auf weitergehende Ziele als wenig erfolgreich bzw. kontraproduktiv erwiesen haben. Die gegenwärtige Entwicklung in Afghanistan ist dafür ein erschütterndes Beispiel. Der 20. Jahrestag der Anschläge ist insofern auch ein wichtiger Anlass, neu über eine angemessene Politik des Westens in der arabisch-islamischen Welt nachzudenken. Dabei sind die spezifischen kulturellen und religiösen Hintergründe und Prägungen wesentlich ernster in das Kalkül einzubeziehen als das bisher der Fall gewesen ist.
Schließlich stellte 9/11 auch eine Zäsur für das generelle Verhältnis zum Islam und zu Muslimen dar. In den USA und in der übrigen westlichen Welt wurden Muslime vielfach unter Generalverdacht gestellt. Dialoginitiativen und Verständigungsbemühungen gerieten verstärkt unter Druck, während zugleich deutlicher die Notwendigkeit von Dialog und einer differenzierten Beurteilung des Islam betont wurde. In Deutschland wurde seitens der großen Kirchen von Ernüchterung und einem neuen Realismus im Verhältnis zum Islam und zu Muslimen gesprochen. Damit einher ging die Veröffentlichung von Denkschriften, die nunmehr die Differenz zwischen Christentum und Islam stärker herausstellten (s. EKD-Denkschrift „Klarheit und gute Nachbarschaft“, 2006). Der Jahrestag lenkt insofern auch die Aufmerksamkeit erneut auf die Frage, wie die vornehmlich christlich geprägte Welt bzw. Christen und die vornehmlich islamisch geprägte Welt bzw. Muslime ihre Beziehung zueinander gestalten müssen und können. Hier stehen in meinen Augen in besonderer Weise die christlich geprägte Welt bzw. Christen in der Verantwortung. Dazu gehört meines Erachtens jetzt vor allem nicht zuzulassen, dass das Bild des Islam in der westlichen Öffentlichkeit einseitig von Taliban und anderen Extremisten bestimmt wird und anderes mehr.
Das Bemühen um Dialog und Verständigung bleibt insgesamt dringend geboten. INTR°A wird weiter versuchen seinen bescheidenen Beitrag dazu zu leisten.

Weitere Informationen und Reflexionen zum Jahrestag s. in dem Beitrag des Amerika-Korrespondenten der SZ Hubert Wetzel (SZ, 9.09.20219): hier
Einen kritischen Beitrag zu den tieferen Folgen von 9/11 für das Verhältnis des Westens zum Islam und das Bild von Muslimen hat Sonja Zekri verfasst (SZ, 11.09.2021): hier
Der türkisch-amerikanische Politikwissenschaftler Ahmet T. Kuru hebt in seinem kritischen Rückblick für quantara.de (vom 14.09.21) hervor, dass Muslime im Westen zwischen den Kulturen vermitteln können: hier