Aktuelle Lage in Israel – Bericht aus einem betroffenen Projekt vor Ort

572

Ich bin vorgestern Nacht von einer abgebrochenen Reise nach Israel zurückgekehrt – bestürzt und erschrocken über das, was geschehen ist und weiter geschieht. Die eigenen Gedanken und Gefühle sind kaum in Worte zu fassen. Ich möchte deshalb hier ein Schreiben des Leiters einer Einrichtung für Behinderte in Beit Jala (“Lifegate” ) an unsere Gruppe und andere dokumentieren, das sehr nachdenklich und differenziert ist und zugleich die Stimmungslage in Israel und die Folgen für viele Menschen zum Ausdruck bringt. Wir wollten das Projekt in diesen Tagen besuchen ..

Liebe Freunde unserer Arbeit,

am Freitag den 6.10.2023 nachmittags kam eine Gruppe unserer (palästinensischen) jungen Erwachsenen von einer einwöchigen Begegnungsfreizeit mit jüdischen Menschen mit Behinderungen aus Tabgha am See Genezareth zurück. Wir hatten gemeinsam die Laubhütte gebaut, das Fest gefeiert, zusammen gegessen, gebadet und Ausflüge gemacht, kurz eine intensive Woche miteinander verbracht. Ich sah fröhliche Gesichter und freute mich, dass dieser kleine Beitrag zu einem „friedlichen Miteinander im Land” wieder einmal geglückt war.

Nach unserer gemeinsamen Reise erscheint es noch schwieriger zu sein, das Erlebte zu begreifen, zu verarbeiten. Die richtigen Entscheidungen zu treffen, umzusetzen, das Richtige zu tun und zu sagen. Waren wir eben noch lachend unterwegs, haben uns miteinander gefreut, waren glücklich und dankbar, so toben jetzt andere Gefühle in uns. Daher bitte ich um eure/ihre offene Ohren des Herzens. Mir ist es wichtig euch/sie mit hinein in unseren derzeitigen Alltag zu nehmen, was gerade passiert, mit welchen Herausforderungen und Not, wir, und beide Völker zu „kämpfen” haben. Es geht mir nicht darum zu polarisieren, es geht darum ehrlich zu sein. Auch w e n n es für den ein oder anderen vielleicht schwierig zu verstehen ist. 

Am Samstag morgen den 7.10.2023, genau an dem 50 Jahrestag des Yom Kippur Krieges (1973) wurden wir in Jerusalem um 6.30 Uhr morgens von Sirenen geweckt. Eine vermutlich langfristig geplante, an Brutalität und Menschenverachtung kaum zu überbietende Terroraktion der vom Iran und Qatar unterstützten radikal islamischen Hammas Organisation hatte begonnen. Der Überraschungseffekt, die Menge der beteiligten Terroristen (800-1000) , die mit Autos, mit Motorrädern und mit Fluggleitern eindrangen, das komplette Versagen des israelischen Geheimdienstes, des Sicherheitssystems (Zäune und Mauern), einschließlich der israelischen Soldaten, die an der Grenze zum Gazastreifen stationiert waren und getötet oder verschleppt wurden, sind bis heute offene Fragen, auf die man unbedingt Antworten finden muss. Was anschließend passierte ist durchaus mit noch dunkleren Kapiteln in der jüdischen Geschichte vergleichbar. Menschen wurden bestialisch abgeschlachtet aus dem einen Grund: “Weil sie Juden waren”. Ich möchte keine weiteren Einzelheiten erzählen, die Medien in der ganzen Welt berichten ausführlich über diesen Krieg, möchte aber sagen, dass wir jeden Tag neue Dinge erfahren, die unseren Ekel und die Abscheu vor diesen Taten noch verstärken. Schicksale und Bilder, die man kaum vergessen kann.

Der Boden für diese schlimme Entwicklung war schon lange bereitet. Israel leistet sich bei seinen innenpolitischen und gesellschaftlichen Problemen, wie auch der Lösung der Palästinenserfrage, den Luxus einer jahrzehntelangen Verdrängung. Das allerdings in diesem Jahr fast alle diese Probleme in Israels Gesellschaft und im Gazastreifen konzentriert aufbrechen und die Menschen in Israel jetzt wieder um ihre Existenz und ihr Leben kämpfen müssen, hat niemand erwartet. Die offiziellen Zahlen in Israel reden von 1200 Toten Israelis und Tausenden von Verletzten. Über 150 Kinder, Frauen und auch alte Menschen wurden in den Gazastreifen entführt, mehr als 5000 Raketen auf Israel abgeschossen. Die Zahl der Toten im Gazastreifen bei den israelischen Luftangriffen steigt ebenfalls täglich und geht vermutlich in die Tausende. Noch immer warnt Israel die Zivilbevölkerung in Gaza vor Luftangriffen (Ausnahme die Häuser wo Hamas Leute wohnen). Noch immer sitzen die Drahtzieher von Hamas in ihren Bunkern unter palästinensischen Krankenhäusern oder Moscheen (da Israel diese Plätze nicht bombardiert). Es sterben sicherlich auch viele unschuldige Menschen! Die Diesel-Lieferungen aus Israel für das Kraftwerk in Gaza und damit die Stromversorgung sind eingestellt, wie alle anderen Lieferungen aus Israel. Eine menschliche Katstrophe sehr großen Außmasses könnte sich rasch abzeichnen.

Es war Israels eigene Politik, nach dem 6-Tage-Krieg und der Eroberung der zu Jordanien gehörenden palästinensischen Gebiete, einschließlich Ost-Jerusalems, eine zweite starke politische Gruppe innerhalb der Palästinenser zuzulassen, die Hamas Bewegung. Man wollte damit die palästinensische Einheit schwächen und hatte den Gazastreifen von der Westbank abgekoppelt. In der Tat warfen die Hamaskämpfer bei der gewaltsamen Übernahme der Macht in Gaza die Kämpfer der Fatah (heutige palästinensische offizielle Regierung) lebendig von den Dächern der Hochhäuser. Eigentlich hätte man da schon wissen können, mit wem man es zu tun hatte. Israels Politik hat pragmatisch sehr schnell verstanden, dass sie 2 Millionen Menschen im Gazastreifen (das am dichtesten besiedelte Gebiet auf unserer Erde), von denen die meisten Israel hassen, nicht verwalten kann, und war froh, dass dies nun von der Hamas übernommen wurde. Ähnliches passierte im Westjordanland, wo die palästinensische Autonomieregierung nach dem Abkommen in Oslo eingesetzt wurde. Man hoffte in Israel immer, dass sich damit eine Art „friedliches Nebeneinander” entwickeln könnte, eine Rechnung, die nicht aufging, zumal die jüdischen Siedlungen im Westjordanland ständig weiter ausgebaut wurden und sich die jüdischen Siedler immer mehr radikalisierten.

Ich weiß noch wie wir nach der Friedens-Euphorie nach dem Oslo Abkommen bei Lifegate, die einzige jemals in Beit Jala stattgefundene Ausbildung zur Bobath Therapie für 24 palästinensische Physiotherapeuten mit einem israelischen Ausbilder-Team durchführen wollten. Wir wurden angefeindet, kontrolliert, gefilmt, die Teilnehmer erhielten Drohanrufe und es wurden ihnen vorausgesagt, dass sie ihre Arbeitserlaubnis für „Palästina” für immer entzogen bekommen. Wir blieben als deutsche NGO stark und 24 Palästinenser erhielten ein offizielles Bobath Zertifikat und halfen mit dieser Ausbildung tausenden von palästinensischen Kindern zu einem besseren Leben. Die damalige Leiterin des internationalen Welt-Bobath-Verbandes war eine Israelin, sie hatte den Kurs geleitet.

Mit Israels Wissen und Einverständnis wurden jeden Monat Millionen von US Dollar über Qatar zu der Hamas Regierung (in Koffern) transportiert, für die angeblichen humanitären Aufgaben an der Bevölkerung in Gaza. Was wirklich mit einem großen Teil der Gelder gemacht wurde, erlebt Israels Bevölkerung gerade wieder jeden Tag. Ein Waffenarsenal aufgebaut, junge Leute an Waffen ausgebildet, und eine große Bevölkerung als Schutzschild und als Geiseln von diesem totalitären Regime missbraucht. Bei Lifegate beschäftigen wir einige Christen aus Gaza, die wegen der dortigen Übergriffe auf den christlichen Buchladen aus dem Gazastreifen in das Westjordanland flohen. Dennoch leben noch Christen im Gazastreifen und es gibt noch christliche Schulen und wenige Institutionen. Die Waffen und die Bauteile für das Raketen Arsenal der Hamasbewegung kommen durch Ägypten in den Gazastreifen, ein Land das offiziell mit Israel ein Friedensabkommen unterzeichnet hat, aber ansonsten in keinem Fall ein Stück Verantwortung für den Gazastreifen übernehmen wil. Israel hat im Gegensatz zu seinem Vorgehen in Syrien, wo Waffenlieferungen aus dem Iran an die Hisbollah Milizen im Libanon von der israelischen Luftwaffe fast täglich bombardiert werden, im Süden nicht reagiert. Vermutlich gibt es auch Tunnelkonstruktionen vom Sinai, um Waffen in den Gazastreifen zu bringen.

Viele unserer Kinder unterrichten wir gerade über Zoom Zuhause und einer lokalen Kommunikationsplattform, die wir einrichteten. Auch das kann Freude machen wie bei der kleinen Salma al Jabary, 3 Jahre alt, Down Syndrom. Bei Lifegate sind wir für und mit den Menschen unterwegs und das schließt alle Menschen in diesem Land mit ein. Wir weinen mit den Weinenden und sammeln mit ihnen die Scherben und Trümmer zusammen und beginnen damit etwas Neues zu bauen. Unsere lokalen Einnahmen werden bis zum Jahresende wie in den Coronazeiten wegfallen, da das Gästehaus und die Wäscherei keine Arbeit mehr haben. Gestern durften wir die letzte Gruppe von deutschen Besuchern begrüßen – wahrscheinlich kann und wird für eine lange Zeit niemand mehr vorbeikommen. Noch sind wir auf beiden Seiten mit den Grundnahrungsmitteln versorgt, Mineralwasser, Milch und einige Lebensmittel sind kaum noch in den Geschäften zu finden, in den palästinensischen Gebieten ist das Benzin rationiert. Dieselaggregate sind in Israel im Moment sehr gefragt, sollte der Konflikt weiter eskalieren werden auch Israels Kohlekraftwerke an der Mittelmeerküste Ziele sein. Am Donnerstag und Freitag werden schweren Herzens 5 deutsche Volontäre ausgeflogen, die eigentlich viel länger bleiben wollten, aber jetzt in Deutschland sicherer sein werden.

Wir bitten herzlich um Ihre Gebete, gute Gedanken und uns nicht zu vergessen.

Möge unser Herr dazu weiterhin die Kraft schenken unsere Leben und unsere Arbeit schützen und bewahren!

Mit lieben Grüßen
Ihr Burghart Schunkertu, Beit Jala, 11.10.2023

Achim Riggert, INTR°A