Hermann Hesse „Siddharta. Eine indische Dichtung“

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Hermann Hesse “Siddhartha. Eine indische Dichtung“

Martin Kämpchen

Seit früher Kindheit war Hermann Hesse von indischer Atmosphäre umgeben. Aufgewachsen in dem württembergischen Städtchen Calw, hörte er den Erzählungen seines Großvaters mütterlicherseits, Hermann Gundert, zu, der als Missionar der Basler Mission lange in Indien gewirkt hatte. Gundert lebte in der südindischen Provinz Kerala, lernte ihre Sprache Malayalam und verfasste grundlegende Bücher zum Malayalam, vor allem das „Malayalam and English Dictionary“ (1862) und „A Grammar of the Malayalam Language (1868), die bis heute wichtig sind. Hermann Hesses Mutter wurde in Kerala geboren; auch sie und ihr Mann arbeiteten dort als Missionare, jedoch waren sie schon nach Deutschland zurückgekehrt, als Hermann Hesse geboren wurde.

Hesses Erziehung war allerdings nicht von indischem Geist beeinflusst, sondern sie folgte streng pietistisch-protestantischen Maßstäben. Der junge Hermann musste sich zuerst mit Leid und Mühe von der engen Frömmigkeit seiner Kindheit befreien, bevor er offen wurde für andere philosophische und religiöse Lebensmöglichkeiten. Im Rückblick auf seine frühen Jahre als Erwachsener schreibt er:

„Im Vergleich nun mit diesem so eng eingeklemmten Christentum […] war freilich die Welt der indischen Religion und Dichtung weit verlockender. Hier bedrängte mich keine Nähe, hier roch es weder nach nüchternen graugestrichenen Kanzeln noch nach pietistischen Bibelstunden, meine Phantasie hatte Raum, ich konnte die ersten Botschaften, die mich aus der indischen Welt erreichten, ohne Widerstände in mich einlassen, und sie haben lebenslang nachgewirkt.“

Erwachsen geworden, konnte Hermann Hesse sich gegenüber seinem Elternhaus und seiner pietistischen Sozialisierung durchsetzen, und er begann, den Hinduismus, den Buddhismus und den Taoismus zu entdecken und diese Religionen als geistige Alternativen anzunehmen. Er las die heiligen Schriften des Hinduismus, etwa die Bhagavadgita und die Upanishaden, und er beteiligte sich durch Rezensionen und Zeitungsartikel an der Entdeckung des „Ostens“. Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert markiert die Zeit, in der deutsche Orientalisten durch authentische Übersetzungen aus den Originalsprachen die heiligen Schriften der asiatischen Religionen zugänglich machten.

Mit dieser zweifachen Vorbereitung – der indischen Atmosphäre im Elternhaus und dem Studium der heiligen Schriften – brach Hermann Hesse im Jahr 1911 per Schiff nach Osten auf. Es war seine erste große Reise. Er war 34 Jahre alt und bisher viel in Italien gereist, doch nie über die europäischen Grenzen hinaus. Obwohl die Fahrt bis nach Indonesien und Malaysia ging, war sein Hauptziel Indien und dort Kerala, die Umgebung, in der sein Großvater und seine Eltern Jahrzehnte als Missionare gewirkt hatten.

Dass diese Reise für Hermann Hesse in einer Enttäuschung endete, ist unglücklichen Umständen geschuldet. Auf seiner Schiffsreise war Hesse beinahe durchgehend magenkrank und konnte nur mit ständigen Gaben von Morphium die Reise beenden. Daher verzichtete er auch auf der Rückreise auf einen Aufenthalt in Südindien, sondern er fuhr von Sri Lanka schnurstracks nach Italien und von dort in die Heimat.

Zwei Wochen verbrachte er auf Sri Lanka und durchforschte sie mit einer erstaunlichen Offenheit, Neugier und Energie. Doch sein Eindruck, den er in seinen Tagebuchblättern festhielt, war im Großen und Ganzen negativ. Enttäuscht, konnte er nicht das „ewige Indien“, das ihm durch seine Lektüre der heiligen Schriften vorschwebte, entdecken, nicht die reine, edle, vom Buddhismus geprägte Frömmigkeit.

Diese Enttäuschung muss der Grund gewesen sein, warum Hesse – abgesehen von einigen Aufsätzen in Zeitungen und Zeitschriften – über seine Asienreise nichts Bedeutendes zu Papier gebracht hat. Er, der unter den Schriftstellern seiner Zeit den intensivsten Indien-Bezug besaß, kam quasi mit leeren Händen zurück. Sein Ziel war jedoch nicht gewesen, eine Reise zu dokumentieren, es war höher gesteckt. Dies drückt er in seinem Aufsatz „Erinnerung an Indien“ (1917) folgendermaßen aus:

„Diese kleine, uralte Binsenweisheit, daß es über die Völkergrenzen und Erdteile hinweg eine Menschheit gibt, ist für mich das letzte und größte Erlebnis jener Reise gewesen […] Erst von hier aus wieder, vom Gefühl der Brüderschaft und inneren Gleichheit aus, bekommt das Fremde, Unterschiedene, bekommt die Buntheit der Länder und Menschen ihren innigsten und höchsten Reiz und Zauber.“

Heute würden wir von Multikultur und Diversität sprechen, die dem Dichter auf dieser Reise in ihrem Wert deutlich geworden sind.

Es dauerte ein ganzes Jahrzehnt, bis sich das Indien-Erlebnis in einer großen und zusammenhängenden Dichtung niederschlagen konnte. Dies war seine „Indische Dichtung“, der Roman „Siddhartha“ (1923). Katastrophen im Privaten und Krankheiten verhinderten zunächst die Niederschrift. Der Erste Weltkrieg, den Hermann Hesse im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen entschieden ablehnte, rollte über Europa. Hesse beobachtete ihn aus seinem Schweizer Refugium mit großer Sorge und setzte sich für die Opfer des Kriegs ein. Sein Einkommen verringerte sich bedrohlich.

Um 1919 liest man dann in Briefen von Hesses Plan einer indischen Dichtung. Warum klammerte er sich an Indien, was war die tiefste Motivation für „Siddhartha“? Der Dichter erläutert: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf.“ Im Grunde ist Hermann Hesse ein Missionar der aufrechten geistigen Lebensweise. „Siddhartha“ schrieb er im Dienst dieses inneren Auftrags. Den Mönch Siddhartha gestaltete er als idealtypischen Vertreter des indischen Wegs – so wie Hermann Hesse diesen Weg mithilfe von Studien der indischen Schriften vor sich sah.

Nur kurze Zeit, nachdem das Buch im Jahr 1922 erschien, traf er zufällig auf einer Konferenz in Lugano einen indischen Gelehrten, Kalidas Nag, dem er die Lebensgeschichte von Siddhartha nacherzählte. Mit großer Genugtuung hörte Hesse das Lob des Inders.

Der Roman zeichnet den Lebensweg des Mönchs Siddhartha nach, der auf der Suche nach der göttlichen Wahrheit mehrere unterschiedliche Lebensstationen beschreitet. Er beginnt als Sucher oder Novize, kehrt sich dann vom Mönchtum ab und wird Geliebter von Kamala und Vater eines Sohnes sowie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Schließlich gibt er dieses Leben in der „Welt“ mitsamt seinen Freuden und Leiden auf und wird Einsiedler am Ufer eines Flusses.

Hesse stellt nicht so sehr den Lebensweg indischer Mönche dar, als den des modernen westlichen Menschen, der unruhig wechselnden Antrieben und Sehnsüchten folgt. Hesse gibt selbst zu, dass „Siddhartha“ ein „europäisches“ Buch sei.

Die Zeit, in der „Siddhartha“ intensiv gelesen wurde, war nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er und 1970er Jahre, als die deutsche Jugend auf der Suche nach geistiger Orientierung Hermann Hesse entdeckte und unter anderen weltanschaulichen Büchern „Siddhartha“ zur Richtschnur ihres Handelns machte. Kurioserweise war es gerade die Hippie-Generation, die das Buch wie eine Bibel bei sich trug, obwohl sie eben nicht gewillt war, ihren Lebensdrang mit der Disziplin und Opferbereitschaft eines Siddhartha zu zügeln.

„Siddhartha“ wurde zum vielleicht wichtigsten literarischen Indienbuch der Deutschen im 20. Jahrhundert. Es gibt keines, das ihr Indienbild  ähnlich stark  geprägt hat – obwohl Hermann Hesse gar kein wirklichkeitsgetreues, aktuelles Indien abbilden wollte.