INTR°A-Tagung 2020 „Jenseits konfessioneller Grenzen“ – Spannender Auftakt zur Diskussion einer pluralistischen Religionspädagogik

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Multireligiöse Anbetung - Skulptur in Nes Ammim, Israel (Bild: Sigrid Reihs)

„Der neue Ansatz einer pluralistischen Religionspädagogik begeistert mich. Er passt genau zu dem Bemühen, meinen Schülerinnen und Schülern eine dialogische Haltung nahezubringen“, sagte mir sinngemäß ein Teilnehmer des Online-Studientags am 21. November in einem Nachgespräch.

Der Teilnehmer hat darin auf den Punkt gebracht, was das Ziel unserer diesjährigen Jahrestagung in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie in Köln war: Sie sollte Interesse an dem Neuansatz einer interreligiös-pluralistischen Religionspädagogik wecken, den eine multireligiös besetzte Projektgruppe unter der Federführung des „Bonner Instituts für berufsorientierte Religionspädagogik“ (bibor) entwickelt hat. Diesen Neuansatz hat die Projektgruppe in einem umfangreichen Diskussionspapier (“Dialog und Transformation“) zusammengefasst, das im Mittelpunkt des Studientages stehen und mit der religionspädagogischen Praxis ins Gespräch gebracht werden sollte (das Diskussionspapier s.  hier). Dies gelang insgesamt sehr gut. Die Resonanz der über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer war durchweg positiv, auch der technische Ablauf der reinen Online-Tagung per Zoom hat gut funktioniert. (Das Programm der Tagung s. Flyer)

Die Tagung startete mit einem Einführungsvortrag zu dem oben genannten Diskussionspapier, den Prof. Dr. Andreas Obermann (bibor, Bonn) hielt. Obermann stellte darin auf sehr anschauliche und eindrückliche Weise die „Kennzeichen und Prinzipien“ des neuen pluralistischen Ansatzes in der Religionspädagogik vor. In einem ersten Teil legte er dar, wie in dem neuen Konzept religiöse Wahrheit und der Umgang damit verstanden wird. Demnach ist Wahrheit immer subjektiv konstruiert und niemals absolut, womit zugleich jegliche exklusiven Wahrheitsansprüche religiöser Traditionen ausgeschlossen sind. Stattdessen werde mit der Präsenz Gottes in allen großen Religionen (H. Ott) gerechnet. Diese Verbundenheit im Gottesbezug hat der jüdische Theologe Abraham Heschel, so Obermann weiter, prägnant auf eine Formel gebracht: „Jeder Gott, der der meine ist, aber nicht der deine; jeder Gott, der sich um mich kümmert, aber nicht um dich, ist ein Götze“. Im zweiten Teil seines Vortrags hob Obermann die zentrale Bedeutung eines reziproken, offenen Dialogs für ein tiefgehendes interreligiösen Lernen hervor, was er u.a. anhand des Dialogverständnisses von Martin Buber verdeutlichte. Im dritten und letzten Teil seiner Einführung entfaltete Obermann weitere Konkretionen von „Dialog und Transformation“. Dabei hob er als Schwerpunkte u.a. ein spezifisches Identitätsverständnis im Sinne von „Transdifferenz“ (E. Meir) und den Ansatz der „Tiefentheologie“ nach Abraham Heschel hervor. Letztere ermöglicht ein Übersteigen der Lehrdifferenzen verschiedener religiöser Traditionen durch eine Rückführung ihrer Glaubensaussagen auf gemeinsame existentielle und transzendenzbezogene Fragen.

Im Anschluss an den Vortrag von Obermann nahmen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener religiöser Traditionen und Herkunft in praktischer Perspektive zu dem religionspädagogischen Neuansatz Stellung. Den Anfang machte Frau Melek Yildiz aus Hamm, die eine alevitische Perspektive einbrachte. Sie hat als Studiendirektorin, Seminarleiterin und Mitglied von Lehrkommissionen lange Jahre an der Entwicklung eines alevitischen Religionsunterrichtes mitgewirkt. Nach einer kurzen Vorstellung der Grundsätze des alevitischen Glaubens hob die Referentin hervor, dass der neue interreligiöse Ansatz in der Religionspädagogik sehr gut mit den Grundwerten des alevitischen Glaubens vereinbar sei. Weiterhin betonte sie die Bedeutung einer konsequenten Schülerorientierung im interreligiösen Lernen. Im Unterschied zum Diskussionspapier stellte sie darüber hinaus – auf dem Hintergrund der spezifischen Situation von Aleviten in Deutschland und anderswo – die Bedeutung der Entwicklung einer festen religiösen Identität heraus, um dann auf dieser Basis qualifiziert in den Dialog gehen zu können. Abschließend plädierte Yildiz für eine stärkere Betonung der Gemeinsamkeiten statt der Unterschiede zwischen den Religionen, u.a. um ein gutes Zusammenleben, Frieden und Gerechtigkeit zu befördern. (Den ganzen Beitrag von Melek Yildiz s. hier).

Im zweiten Beitrag dieses Blocks brachte der Lehrer für jüdischen Religionsunterricht Peter Vasadi aus Düsseldorf das Diskussionspapier mit seiner Praxis im jüdischen Religionsunterricht in der Grundschule und in Sekundarstufe 1 ins Gespräch – sein Beitrag wurde vorproduziert und dann bei dem Studientag als Video gezeigt. Vasadi stellte angesichts der zunehmend multikulturellen Gesellschaft zunächst die für ihn zentralen Ziele des Religionsunterrichts heraus, nämlich die Förderung der religiösen Identität, Religionskunde und die Vermittlung von Werten. Weiterhin betonte er als Zweck des pluralistischen Religionsunterrichts Wissenslücken bezüglich des religiös anderen zu überbrücken, Ähnlichkeiten zu finden und gemeinsame Werte aufzuzeigen. Angesichts der spezifischen Bedingungen des jüdischen Religionsunterrichts formulierte Vasadi als eine Schlüsselfrage, wieviel Pluralismus im Religionsunterricht möglich sei, ohne dass die jeweilige religiöse Identität in Frage gestellt werde. Abschließend wünschte er sich noch mehr Unterrichtsmaterial über andere Religionen und mehr Begegnungsmöglichkeiten für jüdische Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler mit Angehörigen anderer Religionen. (Die Videoaufnahme des Beitrags von P. Vasadi s. hier)

Der dritte Beitrag wurde von der evangelischen Pfarrerin Carolin Simon-Winter aus Offenbach eingebracht, die aus christlicher Perspektive Stellung nahm. Sie beleuchtete den pluralistischen Neuansatz im Licht ihres innovativen interreligiösen Projekts „Verschiedenheit achten – Gemeinschaft stärken“, das sie zusammen mit katholischen und muslimischen Lehrkräften für die 11. Jahrgangstufe des beruflichen Gymnasiums ihres Berufskollegs in Offenbach entwickelt hat. In ihrer Response auf dem Hintergrund des Offenbacher Projekts, dessen Konzept seit einiger Zeit auch veröffentlicht ist (s. hier rpi doku), erläuterte sie zunächst die zentralen Begriffe ihres Konzepts („Verschiedenheit achten“, „Gemeinschaft stärken“, „Dialog“). In diesem Zusammenhang stellte sie als zentrale Ausgangsthese heraus, dass Dialog immer zwischen Menschen und nicht zwischen Religionen und Kulturen stattfinde. In ihren weiteren Ausführungen erläuterte sie sodann ausführlich, wie in dem Projekt an ihrer Schule das dialogische Prinzip im Unterricht mit ausgefeilten kreativen Methoden umsetzt wird. Insgesamt wurde deutlich, dass der religionspädagogische Neuansatz in seinen wesentlichen Anliegen mit den Prinzipien des Offenbacher Projekts übereinstimmt, weshalb die Referentin ihn auch insgesamt sehr begrüßte (Die Power-Point-Präsentation zu ihrem Vortrag s. hier ).

Als vierte und letzte brachte Prof. em. Dr. Ina ter Avest aus Ede/Niederlande eine interreligiöse Perspektive ein. Sie sprach auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung als Religionspsychologin und Religionspädagogin sowie ihrer Forschung an verschiedenen Hochschulen in den Niederlanden zu interkulturellen und interreligiösen Kontexten. Im Gespräch mit dem Diskussionspapier „Dialog und Transformation“ skizzierte sie nach einem narrativen Einstieg zunächst, was sie unter „inklusiver Bildung“ versteht und was deren Sinn und Zweck sein könnte. Danach thematisierte die Referentin die Bedeutung von Geschichten des Selbstseins, in denen in der Lebensorientierung von Kindern und Jugendlichen Raum für „das Andere“ (niederländ.:„ver-ander-ing“, also Ver-Änderung) geschaffen wird. Ter Avest betonte dabei die Bedeutung von „Trans-Differenz“ und „Würde der Differenz „, die nur im Dialog voll zur Geltung kommen könnten. Abschließend entfaltete die Referentin einige Schwerpunkte für einen konstruktiven Dialog, dem „Dialog-als-Brücke“. Insgesamt zeigte die emeritierte Professorin eindrücklich auf, wie der neue religionspädagogische Ansatz dialogisch-narrativ, nah an den Schülerinnen und Schülern kreativ umgesetzt und weitergedacht werden kann (Den gesamten Wortlaut des Vortrags s. hier; näheres zur Person und zur Arbeit von Ina ter Avest s. https://www.khteravest.nl/personal/).

In der anschließenden Aussprache zum Einführungsvortrag und zu den vier Stellungnahmen wurde einzelne Aspekte weiter vertieft. Dabei ging es u.a. um die Frage der Identität, die gerade aus der Minderheitsperspektive (zum Beispiel des Judentums oder des Alevitentums) eine besondere Rolle spielt. Weitere Fragen drehten sich um Herausforderungen der praktischen Umsetzung des pluralistischen Neuansatzes, der (noch?) nicht überall  Verständnis und Zustimmung findet.

Nach einer Mittagspause wurden vier workshops angeboten, in denen die Thesen des Neuansatzes und Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung weiter diskutiert werden konnten. In einem ersten workshop mit Prof. Dr. Obermann bestand die Gelegenheit vertiefend über seinen Einführungsvortrag und die Thesen des Neuansatzes ins Gespräch zu kommen. Im zweiten workshop, den der muslimische Religionslehrer Muhammet Mertek aus Hamm und die Imamim Rabeya Müller aus Köln anboten, stand die Frage im Mittelpunkt: „Islamischer pluralistischer Religionsunterricht – geht das?“ Dazu wurden Unterrichtsbeispiele vorgestellt. Im dritten workshop stellte Pfarrerin Carolin Simon-Winter ihr beeindruckendes Offenbacher Projekt, seine ausgefeilten, sehr kreativen Methoden u.a. noch genauer vor. Der vierte workshop schließlich, den der Schulreferent Dr. Rainer Lemaire aus Köln gestaltete, stellte bisher entwickeltes Unterrichtsmaterial zum interreligiösen Lernen in der Grundschule und im Sek I – Bereich vor.

Im Anschluss an die workshops fand dann noch die Mitgliederversammlung von INTR°A statt, auf der u.a. Ideen für die nächste Tagung 2021 gesammelt wurden.

Summa summarum kann der Studientag auf Grund der Rückmeldungen als sehr gelungener Auftakt für weitere Diskussionen zu dem neuen Projekt einer pluralistischen Religionspädagogik bezeichnet werden. Es soll und muss allerdings weitergehen! Dabei sind insbesondere noch die asiatischen Religionen und die Stimmen nicht- und areligiöser Weltanschauungen in das Projekt einzubeziehen. Weiterhin geht es darum, die auf der INTR°A-Tagung thematisierte, zentrale Frage der Umsetzung in verschiedenen Kontexten intensiv weiter zu verfolgen, was von den Initiatoren auch geplant ist. Alle Interessierten dürfen auf den weiteren Prozess gespannt sein!

Achim Riggert, INTR°A