Mein Leben in Indien – Auszug

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Martin Kämpchen: Mein Leben in Indien. Zwischen den Kulturen zu Hause. Geleitwort von Karl-Josef Kuschel. © Patmos Verlag, Ostfildern 2022

Der Träger unseres Projektpreises vom letzten Jahr hat uns diesen Auszug aus seiner brandneuen Autobiographie exklusiv zur Verfügung gestellt. Der Ausschnitt (S. 201 – 205) bringt die Quintessenz seiner im Dialog mit dem Hinduismus gewonnenen wertschätzenden Haltung gegenüber anderen Religionen zum Ausdruck! Ein Abschnitt der Lust auf mehr macht! (weitere Informationen zum Bezug etc. s.u.) 

Wie hast du’s mit der Religion? – Ein Versuch

In Narendrapur [bei Kalkutta] hatte ich im hinduistisch-monastischen Milieu gewohnt und es in mich aufgesogen. In Madras wohnte ich zusammen mit indischen Priestern, die als Christen den Hinduismus zu verstehen suchten. Mich trieb die Frage um, in welcher Weise ich die Glaubensmöglichkeiten der Hindus mit meinen christlichen in Beziehung setzen konnte. Einige Gedanken dazu sind angeklungen, hier versuche ich eine Zusammen-fassung.

In den 1970er-Jahren befanden wir uns schon in der nachkonziliaren Zeit. Die neuen Wertungen und Forderungen, was nichtchristliche Religionen betrifft, sollten nun umgesetzt werden. Mehrere Formulierungen, die die anderen Religionen eher apologetisch, dennoch abwertend mit dem Christentum verglichen, waren im Umlauf, darunter Karl Rahners Idee, Nicht-Christen »anonyme Christen« zu nennen. Hindus seien Christen, ohne es jedoch (schon) zu wissen. Ein weiteres Konstrukt war, dass die anderen Religionen »vorchristliche« Religionen seien, die im Christentum »vollendet« würden. Das Gemeinsame war, dass das Christentum als die heilbringende Religion dargestellt wurde, verglichen mit der sich die anderen Religionen im »Vorhof« der christlichen Offenbarung aufhielten.

Immerhin begann die Amtskirche mit solchen Formulierungen die anderen Religionen wahrzunehmen – wenn auch noch nicht ernst zu nehmen. Sie setzten das Christentum in Beziehung zu den Religionen und entdämonisierten sie. Dennoch haben Hindus, die von solchen Setzungen erfuhren, sie als beleidigend empfunden. Weiterhin begann man die Religionen nach bestimmten Kategorien aufzuteilen: Naturreligionen, Offenbarungs-religionen, Buchreligionen, die historischen und mythischen Religionen … Zwar waren dies keine sich gegenseitig ausschließende Unterscheidungen, immerhin wurden die Religionen zunächst ohne Wertung in eine Reihe gestellt. Es kam der Begriff der »Weltreligionen« auf, wobei unklar blieb, gegen welche Art von Religionen diese sich absetzten: gegen regionale oder spezialisierte Glaubensformen, etwa »Sekten«? Während den Theologen und Religionshistorikern ein breites Feld der Zuteilungen und Interpretationen geöffnet wurde, war es für christliche Gläubige schwer, einen eigenen Standpunkt zu gewinnen.

Hindus tun sich »leichter«, insofern sie den Buddhismus, das Christentum, den Islam, wie erwähnt, inklusivistisch in ihre eigene Religion, den Sanatana Dharma, einbeziehen. Sie ist gleichbedeutend mit der mystischen Erfahrung, die die Religionsschöpfer und die Heiligen gewonnen haben. Sie ist die Schau, die Gott-Weltschöpfung-Menschheit als Eines begreift, als das Eine, das sich in der Meditation und danach für die in der Meditation Geschulten auch in der »äußeren« Welt offenbart.

Die Theologen und Gläubigen der Monotheismen Judentum, Christentum und Islam finden nicht unmittelbar – wie in einem Sprung – zu einer solchen mystischen Einheitsschau, denn es sind historisch entstandene und weitgehend getrennt gewachsene Religionen, und ihre Geschichtlichkeit ist Teil des Selbstverständnisses dieser Religionen. Ihre jeweilige Gründungsgeschichte teilen sie in ihren heiligen Büchern mit, und ihnen ist die Überzeugung eingewurzelt, dass sie den wahren Weg zur Erkenntnis Gottes zeigen. Glaube entzündet sich in einem historischen Moment.

Mir wurde deutlich: Nur wer diesen historischen Rahmen transzendiert, hat die Möglichkeit, den anderen Religionen in Unvoreingenommenheit und Freiheit zu begegnen. »Darf« ich das? – Die Theologen sagen in der Mehrzahl »Nein«; die christlichen Mystiker tun es in inspirierten Momenten einfach. Etwa Meister Eckehart in seinen »Deutschen Predigten« und Bede Griffiths in »Die Hochzeit von Ost und West«. Insbesondere diese beiden Bücher gaben mir das gedankliche Rüstzeug zu meiner immer stärker wachsenden Überzeugung, dass ich als Christ, mit Respekt und Bedacht, die Sphäre der Kirchlichkeit – der Liturgie, der Sakramente, der Historizität des Christlichen – übersteigen darf, um auf diese Weise, an der Gestalt Jesus Christus festhaltend, die anderen Religionen zu erreichen. Dies bedeutete für mich nicht, Kirche zu verneinen, denn ich wollte immer wieder zu ihr als einer Gemeinschaft der Gläubigen zurückkehren und sie stützen und mich stützen lassen.
Meine seit einigen Jahren geübte Meditation – eine christozentrische Meditation – hatte mir schon den Weg geöffnet, der mich die mystische Mitte der Religionen erahnen ließ. Nun galt es, im Erfahrungsraum der Welt diese gemeinsame Mitte zu ahnen. Zu einem solchen verstandesmäßigen Nachvollzug forderten mich einige Erlebnisse im Zusammenleben mit Hindus heraus. Durfte ich auch nur den Verdacht hegen, dass kontemplative Menschen, zu denen ich aufblickte, wie Swami Mumukshananda, wie Swami Bhaskar Aranya, wie manche andere, die im Kreis ihrer Familien lebten und an deren spirituellem Ernst ich keinen Zweifel hatte, dass sie nicht von Gott angenommen werden? Dass ihre Liebe zu Gott, welchen Namen sie ihm oder ihr geben mögen, und ihre Liebe zu den Menschen sie nicht auf dieselbe Weise wie mich die Nähe Gottes spüren lassen?

Diese Überlegung, geschöpft aus einem regen gesellschaftlichen Zusammenleben mit Hindus, war für mich der Schlüssel für die Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Religionen. Als ich einen Sammelband mit Erfahrungsberichten über den interreligiösen Dialog herausbrachte und ihm den Titel »Liebe auch den Gott deines Nächsten« (1989) gab, kam einige Kritik. Ich war davon überzeugt, dass Nächstenliebe, echt gemeint, auch die Anerkennung des Gottes einbegreift, den der Nächste verehrt. Nächstenliebe kann nicht vor jenem, was dem Nächsten am teuersten und innerlichsten ist, nämlich seinem Gott, haltmachen und glauben: Dieser Gott geht mich nichts an. Wäre das nicht Verrat an der Nächstenliebe?

In jenen Jahren stand mir lebendig die Erkenntnis vor Augen: Gott gibt es nur einmal. Wenn Gott das Absolute ist, nicht eine mythische Figur, von der die Epen und Geschichten und Märchen erzählen, dann kann es dieses Absolute nur einmal geben. Niemand kann sagen: »mein Absolutes«. Niemandem »gehört« es. Das Absolute teilt sich allen jenen Religionen mit, die sich ihm bewusst öffnen und sich von ihm leiten lassen.

Eine weitere Überlegung nahm langsam Gestalt an. In jenen Jahren war in Deutschland oft die Rede von dem »unbekannten«, »geheimnisvollen«, einem »dunklen«, »verborgenen« Gott, der unergründlich und rätselhaft bleibt. Es hatte mit der Frage zu tun, warum ein »gütiger Gott« die Nazi-Gräuel nicht verhindert hatte. Es hat auch damit zu tun, dass sich moderne Menschen nur schwer zu einem Transzendenz-Verständnis durchringen, dazu, dass etwas besteht, welches von ihrem Leben in der sinnenhaften Welt unterschieden ist. Gleichzeitig wollen Theologen definieren, welche Beziehung etwa Christentum und Hinduismus zueinander haben. Die Gottesbilder werden beschrieben und verglichen. Wenn wir im Christentum zu der Erkenntnis gereift sind, Gott sei ein Mysterium und von dieser Erfahrung durchdrungen sind, so kann in gleicher Weise die Beziehung des Christentums zu den Religionen nicht anders als ein Mysterium begriffen werden. Wir mögen gelehrt rätseln und immer mehr Begriffe prägen und Definitionen versuchen. Weiterbringen wird es uns nur in unseren rationalen Spielen. Meine Aufgabe sehe ich jedoch darin, in dieses Mysterium immer tiefer hineinzuwachsen.

Weitere Hinweise zum Autor Dr. Martin Kämpchen, zum Inhalt des Buches und zum Bezug des Buches finden Sie hier (Buchumschlag).