Unter einem Dach – Heimat und Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft

140

Ende Februar fand auf dem Campus der Fachhochschule in Düsseldorf das XII. Zukunftsforum Islam statt, das sich in diesem Jahr mit dem Thema „Unter einem Dach – Heimat und Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft“ befasste.

Initiiert wurde das Forum mit diesem Format im Jahr 2006 von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Es hat in den vergangenen 13 Jahren Musliminnen und Muslimen, aber auch Nichtmusliminnen bzw. Nichtmuslimen eine Plattform zu lebendiger Diskussion und Vernetzung geboten. Das Zukunftsforum Islam war dabei vor allem auch ein innermuslimischer Resonanzraum für gesamt-gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen aus den Schwerpunktbereichen Integration und Partizipation im Spannungsfeld von Gesellschaft und Religionszugehörigkeit. Das Zukunftsforum Islam hat so in den vergangenen Jahren die Entwicklung der muslimisch-deutschen Zivilgesellschaft begleitet bzw. ihr einen Raum geboten. An der diesjährigen dreitägigen Tagung haben ca. 130 Personen aus unterschiedlichen Institutionen, darunter Akademiker und Vertreter diverser muslimischer Verbände und Gruppen aus Deutschland teilgenommen.

Die Tagung wurde von Prof. Dr. Reinhold Knopp (Dekan des FB Sozial- und Kulturwissenschaften an der Hochschule Düsseldorf), Serap Güler (Staatssekretärin im Integrationsministerium des Landes NRW), Mahyar Nicoubin (Bundeszentrale für politische Bildung) und Dr. Maja Pflüger (Robert Bosch Stiftung) sowie Oberbürgermeister Thomas Geisel (Düsseldorf) eröffnet.

Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan hat sich in seinem Auftaktvortrag mit dem Begriff „Heimat“, den psychologischen Prozessen der Akkulturation/Beheimatung sowie der Frage , wie die Politik die Integrationsprozesse steuern kann, befasst. Uslucan betonte, dass die politische Kommunikation über Zuwanderung stark von der psychologischen Dimension der Angst bestimmt sei. Dies führe zu einer Verengung der kognitiven Fähigkeiten und zur Selbstfokussierung sowie zum Rückgang der Empathie. Hierbei tragen nach Uslucan die politisch handelnden Menschen und Medien große Verantwortung. Dominante Gefühle bei Zuwanderern seien Neugier, Angst, Verzweiflung, Hoffnung und Erhalt des Selbstrespekts und der Würde. Muslime in Deutschland fühlten sich am wenigsten zugehörig. Eine interessante Beobachtung Uslucans bestand darin, dass die heimatliche Verbundenheit der Türkeistämmigen ab 2011 immens zugenommen habe. Türkeistämmige Jugendliche definierten ihre Identität als „national-ethnische (türkische) Zugehörigkeit” (94%), muslimisch (86%) und “Ausländer” (72%), was sehr problematisch sei. Eine Kernkomponente ihrer Identität sei das Gefühl, nicht Teil deutscher Gesellschaft zu sein.

Prof. Dr. Armina Omerika ist in ihrem Vortrag „Islam und Identitäten in pluralen europäischen Gesellschaften“ auf den Konstruktionsmechanismus von Identitäten und den Islam als Identitätsreferenz in theologiegeschichtlicher Perspektive eingegangen. Die Unterordnung des Einzelnen unter kollektivistische Kategorien sowie die Unterordnung auf ein einziges Merkmal führt nach Omerika zu einer Enthumanisierung.

Während des Kongresses gab es insgesamt acht große und acht kleine Workshops zu diversen Einzelaspekten des Themas Identität.

Ich und Abdülkerim Senel haben auch im Namen des IDEBI-Institut (islam-aktuell.de) einen Workshop unter der Überschrift „Muslimische Identitäten in der Internetwelt“ durchgeführt. In einem Kurzvortrag wurden die Identitätsentwürfe von Muslimen dargestellt und dann wurden anhand der Beiträge der Webseite des Instituts “islam-aktuell.de” kurz die unterschiedlichen Identitätskonstruktionen erläutert.

Zusammengefasst ist aus der Perspektive von IDEBI festzuhalten: Wenn es um muslimische Identitäten in Deutschland geht, scheinen sie in vielerlei Hinsicht sehr heterogen zu sein. So gibt es Gruppen, die weltoffen sind und nach gesellschaftlicher Partizipation streben. Es gibt aber auch Gruppierungen, die radikal islamistisch oder neosalafistisch orientiert sind. Diese stehen einer Zivilgesellschaft, die pluralistisch orientiert und offen für unterschiedliche Werte ist, ablehnend gegenüber. Die Identität und Zugehörigkeit muslimischer Minderheiten entwickelt sich demnach in Wechselbeziehung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Leider hat sich eine problematische Interaktion zwischen der Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft entwickelt. Denn es handelt sich hier um eine Konfrontation von auf sich bezogenen Wir-Gefühlen auf beiden Seiten. Daher konnten einige Muslime hierzulande keine heimische Identität entwickeln, obwohl der Lebensschwerpunkt hier liegt. Misslingt Jugendlichen eine gesunde Identitätsbildung, spricht Erikson von Identitätsdiffusion. Identitätsdiffusion meint eine vorübergehende oder dauernde Unfähigkeit des Ichs eine Identität zu bilden, was insgesamt ein Problem darstellt. Eine solche Diffusion wird heute durch das Internet befördert. Das Angebot reicht von persönlichen Blogs, Facebook-Gruppen, YouTube-Kanälen, Muslim-Marktplätzen über muslimische Heiratsangebotsseiten bis hin zu radikalen Internetseiten und Kanälen, auf denen Muslime identitätsstiftende Information und Lebenshalt suchen. Die Nachfrage nach dem jeweiligen Angebot hängt meist vom Bildungsstand des Nutzers ab.  Die Masse an Angeboten führt zur Verwirrung auf beiden Seiten. Auf der nichtmuslimischen Seite bestärkt es die bestehenden Vorurteile und auf der muslimischen führt es zu Fehlinfos. Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • Wie werden Muslime und Nichtmuslime durch den Einfluss von Medien beeinflusst?
  • Welche Identitätskonflikte entstehen dadurch?
  • Wie kann man populistischen Massenmedien entgegentreten, wenn sie Identitätsbildung verhindern bzw. in eine falsche Richtung beeinflussen?
  • Welche Aufklärungsarbeit müssen Muslime und Nichtmuslime füreinander leisten, um ein reales Bild voneinander zu gewinnen?

Im Rahmen des Forums Besuchten die Teilnehmer auch gemeinsam die Bibliothek der Hochschule. Auf deren Standort befand sich früher eine Großviehmarkthalle für etwa Tausend Tiere. Von dort wurden fast 6.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem ganzen Regierungsbezirk Düsseldorf zu verschiedenen Lagern deportiert. Jetzt dient diese Bibliothek als eine kleine Gedenkstätte für die Barbarei der Nazis. Der Erinnerungsort rekonstruiert und dokumentiert diese Verbrechen. Und er beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der NS-Herrschaft in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Denn manche Denkmuster und Feindbilder, die diesen Verbrechen zu Grunde lagen, sind noch heute virulent, wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und andere Strukturen der Ausgrenzung. (Für mehr Info s. www.erinnerungsort-duesseldorf.de)