Erwachen im Alltag – Koans, die das Leben schreibt

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Buchempfehlung: Eve Myonen Marko und Wendy Egyoku Nakao, Erwachen im Alltag, Koans die das Leben schreibt, 2021 (ISBN 978-3-942085; edition steinrich)

Koans sind bekannt als sogenannte ‚Zen-Rätsel‘. Diese volkstümliche Einordnung gibt einen Teil dessen wieder, was Koans sind. Koans sind kurze Beschreibungen von Situationen, Gesprächen zwischen Meister und  Schüler, oder Schüler und Schüler. Die ersten entstanden im 7.Jh. nach Chr.  Diese Kurzerzählungen münden immer in eine Erleuchtung. Wobei man das Wort ‚Erleuchtung‘ auch auf das reduzieren muß, was Erleuchtung eigentlich ist. Hören wir ‚Erleuchtung‘ im umgangssprachlichen Zusammenhang, dann hören wir: Jemand hat eine Lösung, gar eine Wahrheit gefunden, und damit ist die Suche beendet.

Nicht so bei den Koans: ‚Erleuchtung‘ ist oftmals erst der Anstoß wirklich zu suchen. Denn ‚Wahrheit‘ ist keine Formel, etwas, das ich erzählen oder weiter erzählen kann. ‚Wahrheit‘ ist im Zen die Erfahrung in dem einen Augenblick. Sie zu beschreiben heißt, sie zu verfälschen. Ich kann die Erfahrung der Wahrheit nur immer weiter vertiefen.

Es gibt zwei Hauptlinien im Zen. Soto und Rinzai. In der Soto-Linie suchen die Schüler die Erleuchtung v.a. in der Praxis des Sitzens. Im Rinzai wird geübt, indem die Schüler über Koans meditieren. Der Sinn eines Koans besteht v.a. darin, ihn zum Mittelpunkt der Meditation zu machen, ihn im Geist zu bewegen. Und meine ich den Sinn zu haben, ist er mir schon wieder verloren. Das beduetet natürlich nicht, daß die Übenden der Soto-Linie auf Koans verzichten. Sie spielen nur nicht die entscheidende Rolle.

Normalerweise beschäftigen sich Übende im Koan-Studium mit jenen historischen Koans aus der Welt Chinas und Japans des Altertums. Nicht so die beiden Autorinnen. Sie nehmen Koans auch in dem Sinne wörtlich, daß dort Geschichten ‚aus dem Leben‘ erzählt werden. Und so lassen sie hier heutige Menschen Geschichten aus ihrem Leben erzählen, die den  normalen Lauf der Dinge in Frage stellen, also in eine Erleuchtungssituation münden, so die von Yakushi. Er lebt seit Jahren eine vorbildliche Ehe – und fragt sich:“Warum hasse ich die Frau, die ich liebe?“ (S.23) Oder eine genervte Mutter steht vor ihrem Kind und fragt sich:“Wer ist das schreckliche Monster, das mich anbrüllt?“(S.106)

Die Präsentation geschieht in der Form der traditionellen Koan-Sammlungen: Überschrift – danach ein Vers aus der Zen-Tradition/Gedicht/Sutrenvers. Darauf folgt das Koan. Diesem folgt eine Betrachtung. Sie endet mit einer Frage, einem Satz, den ich als Lesender weiter durch den Tag oder durch die Woche tragen kann. „Sag mir, wie lauten deine wahren Namen?“ (S.124) oder „Unmon sagt.“Die ganze Welt ist Medizin.“ Wie verstehst du das? Wie wirst du es nutzen? (S.22)

Diese Betrachtungen und Sätze öffnen in eine im wahrsten Sinne des Wortes unheimliche Weite. Denn in jedem Augenblick kann mir in der Gestalt eines Kindes, eines Tieres oder eines Traums ein Lehrer begegnen, der mir den entscheidenden Anstoß gibt. Selbst wenn ich als schon erfahrener Zen-Übender meine, zu wissen wo es langgeht, wird eine weitere Tür aufgestoßen – oft die, die direkt unter meinen Füßen liegt. Und so ist dieses Buch eine Einladung an alle, sich auf den ‚Anfänger-Weg‘ einzulassen, den Weg des Zen, den wir in jedem Moment das erste Mal gehen.

Zu den Autorinnen:

Roshi Eve Myonen Marko, Gründungslehrerin des Zen-Peacemaker-Ordens. Mit ihrem Mann Bernie Glassman arbeitete sie als Peacemaker in USA, Europa und dem Nahen Osten. Mit ihm leitete sie Retreats in Aschwitz-Birkenau, Ruanda u.a.

Roshi Wendy Egyoku Nakao, 1983 als Zen-Priesterin ordiniert, 1996 als Dharma-Nachfolgerin von Bernie Glassman ernannt. In seiner Nachfolge war sie 1999-2019 Äbtissin des Zen-Center Los Angeles. Weiterhin fungiert sie als Prieserin und Lehrerin an diesem Institut.

Dirk Harms, Schwerte

Ev.Pfr./Theaterpädagoge BuT/ Bibliodramaleite GfB