Jesus im Koran

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15 Suren des Koran erwähnen Jesus oder beziehen sich auf ihn in etwa 108 Versen: in sechs mekkanischen sowie in neun medinischen Suren. Îsâ ist der arabische Name für Jesus im Koran. Elfmal wird Jesus als »der Messias« (al-masîh) bezeichnet. Man muss sich freilich grundsätzlich klar darüber sein: Wenn zwei die gleichen Begriffe gebrauchen, müssen sie noch lange nicht dasselbe damit meinen. Der Koran hat das heilsgeschichtliche Problem der Messianität Jesu in dem Sinne, wie es kontrovers zwischen Juden und Christen diskutiert wurde und wird, nirgendwo vor Augen. An seinen eigenen theologischen Voraussetzungen gemessen, impliziert diese Bezeichnung für Jesus im Koran keinerlei wie auch immer verstandene göttliche Würde. Das gilt auch für andere Titel Jesu, die sich zwar der christlichen Tradition verdanken, im Kontext des Koran jedoch anders und neu verstanden werden. Bei derlei  Bezeichnungen Jesu darf keine irgendwie christlich-dogmatische Deutung etwa im Sinne der Präexistenz- oder Zweinaturenlehre unterstellt bzw. in den Korantext hineingelesen werden, wie das christliche Theologen schon seit den Tagen eines Johannes von Damaskus immer wieder getan haben. So meint auch »der Messias« im Koran nach Auffassung islamischer Ausleger etwa: Jesus ist der Wandernde, der Salbende, der von jeglicher Sünde Gereinigte oder der Gesegnete.

(1) Zweimal und ausführlich wie nirgends sonst erzählt der Koran von der Ankündigung der Geburt Jesu und seiner Empfängnis in Maria: in Sure 19:16-22 und in Sure 3:42-47. Aus der besonderen Rolle Gabriels, den der Koran hier »Geist« nennt, und der Art, in der Maria Jesus empfängt, resultiert ein zweiter Titel Jesu: »Geist von Gott« (rûh min Allâh, Sure 4:171). Diese Ehrenbezeichnung kommt Jesus zu, weil Maria ihn durch ein Hauchen des Geistes jungfräulich empfangen hat (vgl. Sure 21:91; 66:12). Jesus verdankt sein Dasein ausschließlich einem göttlichen Schöpfungsakt, ganz so, wie Gott auch Adam bei dessen Erschaffung seinen Geist eingehaucht hat. Die Benennung als »Geist« bringt mithin nicht nur die jungfräuliche Empfängnis Jesu in Maria, sondern die reine Geschöpflichkeit des Menschen Jesus zum Ausdruck. Exakt derselben theologischen Intention dient die dritte Titulierung Jesu als ein »Wort von Gott« (kalimah min Allâh, Sure 3:39,45; 4:171). Auch hier geht es nicht um eine (womöglich gottgleiche) Präexistenz Jesu als des ewigen Logos, sondern allein um Gottes Schöpfertum, das für Jesus wie auch für die Schöpfung insgesamt gilt. Sure 3:59 benennt den Vergleich zwischen Jesus und Adam ausdrücklich: »Jesus ist vor Gott gleich wie Adam. Den erschuf er aus Erde. Hierauf sagte er zu ihm nur: sei!, da war er.« Der Koran hat christlich vorgeprägten Begriffen in der Regel einen neuen, nämlich theozentrischen Sinn gegeben. Alle Jesus-Titel preisen im Grunde die schöpferische Allmacht Gottes und zielen nicht auf Spekulationen über das Wesen Jesu ab.

Sure 19:23-34 schildert die Geburt Jesu und ihre Umstände. Dabei fällt auf, dass Jesus nicht wie in der christlichen Tradition in einem Stall (Lukas), einem Haus (Matthäus) oder einer Höhle (Protevangelium des Jakobus) geboren wird, sondern in der Wüste, unter freiem Himmel. Maria, die offensichtlich bei der Geburt, ebenfalls im Unterschied zur christlichen Überlieferung, ganz alleine ist, wird lediglich von einer Palme beschattet. Die Geburtsgeschichte ist durch eindrückliche Kontraste gekennzeichnet. Dem Wunsch Marias, völlig vergessen zu werden, entspricht das fürsorgliche sich an sie Erinnern Gottes durch ein Wunder. Marias Todessehnsucht steht das lebendige Quellwasser, das ihr geschenkt wird, gegenüber. Die Bitterkeit ihrer Schmerzen bei der Geburt kontrastiert mit der wundersamen Labung durch süße Datteln. Dem Schweigegelübde der Erwachsenen entspricht das zweimalige Reden des neugeborenen Jesus – ein Wunder, das die christliche Evangelientradition nur ganz am Rande und in anderem Zusammenhang kennt. Der Titel »Sohn Marias« ist im Koran nicht nur Indiz für die Überzeugung von der Jungfrauengeburt Jesu, sondern darüber hinaus eine pointierte Antithese zur christlichen Bezeichnung Jesu als »Sohn Gottes«. Îsâ ibn Maryam – das heißt: Jesus ist der Vaterlose schlechthin. Er hat weder einen irdischen noch einen himmlischen Vater. Umso höher ist daher die Wertschätzung Marias, umso bestimmter ist die enge Verbindung Jesu mit Maria im Koran.

(2) Wie das Judenchristentum, so vertritt auch der Koran eine prophetisch akzentuierte Christologie. Jesus ist allein zu den dem Irrtum und Unglauben anheim gefallenen Juden als deren letzter Prophet gesandt, um sie, in prinzipieller Übereinstimmung mit der Thora Moses, zum ungeteilten Glauben an den Einen und Einzigen Gott zurückzuführen. In diesem Zusammenhang findet sich das erste der beiden Ich-bin-Worte Jesu im Koran: »Und als Jesus, der Sohn Marias, sagte: ‚O Kinder Israels, ich bin der Gesandte Gottes an euch, um zu bestätigen, was von der Tora vor mir vorhanden war‘« (Sure 61:6; vgl. 3:50; 5:46; der Vers erinnert auffallend deutlich an Römer 15,8!). Jesu Botschaft ist auch innovativ: er klärt strittige Fragen seiner Zeitgenossen (Sure 43:63). Seine Verkündigung ist von Weitherzigkeit und Milde geprägt: er bringt den Juden auch einige Erleichterungen von den Vorschriften der Thora (Sure 3:50; vgl. 57:27).

Mehrfach nennt der Koran Jesus »Prophet« (nabî). In Sure 19:30 stellt er sich selbst mit diesem Titel vor. Es ist das andere der beiden Ich-bin-Worte Jesu im Koran: »Ich bin der Diener Gottes. Er ließ mir das Buch zukommen und machte mich zu einem Propheten.« Dass Jesus dies schon als Kind von sich sagen kann, zeigt, dass das Prophetenamt dem Koran zufolge keine menschliche Eigenschaft oder Fähigkeit darstellt, sondern sich allein göttlicher Berufung und Befähigung verdankt. Häufiger noch wird Jesus der Titel »Gesandter« (rasûl) beigelegt (z.B. Sure 3:49; 4:171; 5:75; 57:27; 61:6). Die Christologie ist mithin eingebettet in die umgreifende koranische Prophetologie. Jesus steht in einer langen Tradition. Zweimal wird im Koran ausdrücklich die gleiche Würde aller Propheten und Gesandten betont (Sure 2:136 = 3:84). Die Offenbarung, die Jesus von Gott – in Buchform (Sure 19:30) – empfängt, um sie den Juden zu bringen, ist »das Evangelium« (al-indschîl). Seine Grundstruktur steht in großer Nähe zur Verkündigung Jesu, wie insbesondere die synoptischen Evangelien sie wiedergeben. Auch dem Koran zufolge ist es eine theozentrische Botschaft, die Jesus bringt. Er verkündigt nicht sich selbst, sondern Gott als den Einen und Einzigen Herrn aller Menschen, dem allein die Anbetung gebührt. Der Kern der Botschaft Jesu, den der Koran öfters wiederholt, lautet (Sure 3:51): »Gott ist mein Herr und euer Herr, so dienet Ihm. Das ist ein gerader Weg.« Dementsprechend werden die namentlich unerwähnt bleibenden Jünger Jesu im Koran nicht nur als seine Nachfolger, sondern auch und zuerst als seine »Helfer zu Gott« bezeichnet (Sure 3:52, f). Zum Wesen der Sendung Jesu gehört auch, der unmittelbare Vorläufer Muhammads zu sein. Daher gehört es zu seiner Botschaft, dessen Kommen anzukündigen (Sure 61:6): »Und als Jesus, der Sohn Marias, sagte: O Kinder Israels, ich bin der Gesandte Gottes an euch, um (…) einen Gesandten zu verkünden, der nach mir kommt: sein Name ist Ahmad.« Ahmad bedeutet »der Gepriesene, der Hochgelobte« und hat in der Wurzel dieselben drei Konsonanten (h-m-d) wie Muhammad. Daher wird dieser Vers von islamischen Auslegern durchweg als Anspielung auf das »Siegel der Propheten« (Sure 33:40) verstanden. In jedem Fall lässt sich beobachten: Wie das Neue Testament den jüdischen Propheten Johannes den Täufer als Vorläufer Jesu betrachtet bzw. instrumentalisiert, so wird Jesus seinerseits im Koran als Vorläufer Muhammads in Anspruch genommen. Sure 61:6 dient mithin als Hinweis auf die Einheit und Kontinuität der göttlichen Offenbarungs- als Prophetengeschichte.

(3) Jesu Wunder werden im Koran »Beweise«, manchmal auch »Zeichen« genannt. Jesus vollbringt sie auf Grund einer doppelten Voraussetzung. Zum einen hat Gott ihn von Geburt an gestärkt mit dem »Geist der Heiligkeit«. Zum anderen kann Jesus seine Taten allein »mit Gottes Erlaubnis« tun. Beides kommt in folgender Beschreibung der Wunder Jesu zum Ausdruck, in der Gott selbst Jesus anredet (Sure 5:110). Die Auflistung erinnert an die Summarien der Synoptiker: »O Jesus, Sohn Marias, gedenke meiner Gnade zu dir und zu deiner Mutter, als Ich dich mit dem Geist der Heiligkeit stärkte, sodass du zu den Menschen in der Wiege und als Erwachsener sprachst; und als Ich dich das Buch, die Weisheit, die Tora und das Evangelium lehrte; und als du aus Ton etwas wie eine Vogelgestalt mit meiner Erlaubnis schufest und dann hineinbliesest und es mit meiner Erlaubnis zu einem Vogel wurde; und als du Blinde und Aussätzige mit meiner Erlaubnis heiltest und Tote mit meiner Erlaubnis herauskommen ließest«.

Drei Taten Jesu werden im Koran besonders gewürdigt: das Wiegen-, das Vogel- und das Speisetischwunder. Beim Wiegenwunder (Sure 3:46; 5:110; 19:29-33) spricht Jesus bereits als Kind zweimal zu den Menschen: zunächst tröstend zu seiner Mutter, sodann auf dem Arm Marias zu den Menschen. Mit seiner Rede nimmt Jesus nicht nur Maria vor den Verdächtigungen und Verleumdungen ihrer Angehörigen in Schutz, sondern stellt sich selber als »Gottes Diener« vor und beschreibt seinen göttlichen Auftrag. Eine weitere Tat Jesu ist das Vogelwunder, das eine gewisse Verwandtschaft zeigt mit einem Wunderbericht im apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas (Kap. 2), gleichwohl aber signifikante Unterschiede zu diesem aufweist. Denn das Vogelwunder Jesu dient dem Erweis der Schöpfermacht Gottes, der Menschen durch Wort und Tat daran teilhaben lässt, wann und wie es Ihm gefällt, nicht aber der Verherrlichung eines göttlichen Wunderknaben. Am ausführlichsten von allen Wundern Jesu wird das mit der Speise, die (auf einem Tisch) vom Himmel kommt, beschrieben (Sure 5:112-115). Möglicherweise ist dieser Bericht ein Reflex der Speisewunder, von denen die Evangelien berichten, oder der Vision des Petrus in Joppe (Apostelgeschichte 10,9-16), vielleicht aber auch der (gnostischen) Tradition vom Himmelsbrot (vgl. Johannes 6,30-35) oder einfach der Praxis der christlichen Mahlfeiern am »Tisch des Herrn« (1 Korinther 10,21), also der Worte zur Einsetzung des Abendmahls.

(4) Ein letzter gewichtiger Titel Jesu im Koran ist »Diener Gottes« (abd Allâh). Diese Bezeichnung ist kein exklusiver Titel für Jesus, sie ist vielmehr die grundsätzliche Bestimmung des Menschseins als solchen. Der Anthropologie des Koran zufolge besitzt der Mensch eine abd-Struktur (vgl. Sure 51:56; 7:194; 13:15, f; 21:26). Der Mensch als »Diener« ist, was er ist, in seiner Verwiesenheit und seinem Angewiesensein auf Gott als seinem alleinigen »Herrn« (rabb). Jesu Bezeichnung als abd ist von dieser Herr-Diener-Relation bestimmt. Solches abd-Sein des Menschen bedeutet nicht die blinde Unterwerfung eines unmündigen Sklaven, sondern »die Entfaltung des eigentlichen Kerns seines Daseins«, wie der muslimische Theologe Abdoldjavad Falaturi betont. Mit dem aus der jüdisch-christlichen Tradition stammenden Titel des »Gottesknechts« soll ebenso wie mit der Bezeichnung »Sohn Marias« gesagt werden, dass Jesus nicht der »Sohn Gottes« ist. Die Behauptung einer Gottessohnschaft Jesu kann sich dem Koran zufolge nicht auf Jesus berufen – mehr noch: sie steht geradewegs im Widerspruch zu seinem Selbstzeugnis. Gott ist nicht sein Vater, sondern sein Herr. Genauso wenig wie die Engel, die in der unmittelbaren Gegenwart Gottes leben, ist Jesus zu stolz dafür, sich dem Einen und Einzigen Gott als sein Geschöpf unterzuordnen, wie Sure 4:172 betont: »Der Messias wird es sicher nicht aus Widerwillen ablehnen, Diener Gottes zu sein, und auch nicht die in die Nähe (Gottes) zugelassenen Engel. Wenn einer es aus Widerwillen ablehnt, Ihm zu dienen, und sich hochmütig zeigt, so wird Gott doch sie allesamt zu sich versammeln.«

Der Koran lehnt eine Gottessohnschaft Jesu letztlich aus denselben beiden Gründen ab, wie er auch die polytheistische Auffassung der Gegner Muhammads in Mekka zurückweist. Gott duldet als der Eine und Einzige keinen Teilhaber an Seiner Seite. Wer das nicht beachtet, macht sich der Sünde der »Beigesellung« (shirk) schuldig. Und: Gott ist erhaben darüber, eine Gefährtin zu haben, mit der er Kinder zeugen würde. Gott hat weder Töchter noch Söhne. Derlei Behauptungen, die suggerieren, Gott sei ein irgendwie geschlechtlich spezifizierbares Wesen, sind menschlich-allzumenschliche Fantasien (vgl. Sure 6:100-101; 17:111; 23:91, f; 72:3). Die Juden werden dem Koran zufolge Jesus nicht gerecht, indem sie ihn in seiner Stellung herabsetzen und unterschätzen, da sie ihn für ein illegitimes Kind Marias halten. Die Christen hingegen gehen zu weit, indem sie ihn überschätzen und ihn gar für einen Gott halten. Der Koran bewertet solche Übertreibung in Sure 5:17, 72 als »Unglauben« (kufr). Man muss historisch freilich berücksichtigen: Dieser Vorwurf richtete sich konkret gegen monophysitische Christen. In ihren Gottesdiensten war und ist es bis heute selbstverständlich, Christus mit »unser Gott« oder sogar mit »allmächtiger Gott« anzurufen! Demgemäß ist er in ihren Augen auch über die selbstverständlichsten menschlichen Bedürfnisse erhaben gewesen. Auch die massiven Tendenzen im (damaligen) orientalischen Christentum zur Vergottung Jesu und Marias verurteilt der Koran aufs Schärfste (Sure 5:73, 116). Die Kunde von den tritheistischen und christologischen Streitigkeiten der Christen war bis nach Arabien und zu Muhammad gedrungen, wie der Koran mehrfach erkennen lässt, wenn er von der christlichen »Uneinigkeit« spricht. Der Koran lehnt nicht nur einen familiären Tritheismus, sondern wohl auch – wie schon das Judenchristentum – jede mögliche Form eines trinitarischen Gottesbildes ab, gelte sie christlicherseits nun als orthodox oder als häretisch.

(5) Wiederholt erwähnt der Koran, dass Menschen immer wieder versucht haben, die zu ihnen gesandten Propheten zu Tode zu bringen. Auch Jesus hat die Feindschaft derjenigen jüdischen Zeitgenossen, die ihm keinen Glauben schenkten, zu spüren bekommen. Jesus wurde auf Grund seiner Wundertaten von den Juden sogar der »Zauberei« beschuldigt (Sure 5:110). Mehr noch, die Juden haben eine ungeheure Behauptung aufgestellt, die mit folgenden Worten wiedergegeben wird (Sure 4:157): »Wir haben den Messias Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet.« Menschlicher Frevel gegen Gott geht in den Augen des Koran so weit, dass man sogar vor dem Mord an seinem Gesandten nicht zurückschreckt. Doch Gott weiß Jesus vor den mörderischen Absichten seiner Gegner zu bewahren. Denn Seine Bewahrung ist größer als die Bedrohung durch Menschen. Deshalb widerspricht der Koran den Juden entschieden: »Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt« (Sure 4:157). Ein Gesandter Gottes steht mehr noch als der Prophet unter Gottes besonderem Schutz, der ihn zwar nicht schlechthin vor der Möglichkeit der Ermordung schützt. Doch wird auch sonst von keinem namentlich im Koran erwähnten Gesandten berichtet, er sei durch Menschenhand getötet worden.

Das Dass der Bewahrung Jesu vor einem gewaltsamen Tod durch Menschenhand ist unmissverständlich (Sure 5:110), doch das Wie der göttlichen Intervention ist nicht eindeutig zu erklären. Sure 4:157-158 sagt weiter: »Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt. Diejenigen, die über ihn uneins sind, sind im Zweifel über ihn. Sie haben kein Wissen über ihn, außer dass sie Vermutungen folgen. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet, sondern Gott hat ihn zu sich erhoben. Gott ist mächtig und weise.«

Dieser Vers ist islamischerseits wie auch christlicherseits sehr unterschiedlich ausgelegt worden. Bei weitem die meisten Kommentatoren stimmen jedoch darin überein, dass der Koran nicht das historische Ereignis einer Kreuzigung als solcher verneint, wohl aber die Kreuzigung Jesu. Vielmehr sei ein anderer an Jesu statt gekreuzigt worden. Wie Gott letzten Endes Jesus vom Kreuz bewahrt und errettet hat, bleibt allein Sein Geheimnis. Der Kontext von Sure 4:157, f macht so viel deutlich: der Koran thematisiert »das Kreuz« zwar faktisch im Widerspruch zur christlichen Überzeugung von einer Kreuzigung Jesu; das koranische Nein zur Kreuzigung Jesu bezweckt keine Ablehnung der christlich behaupteten, soteriologisch wie auch immer beschriebenen Kreuzestheologie. Die eigentliche Zielrichtung des Kreuzigungsverses im Koran ist nicht antichristlicher, sondern antijüdischer Natur, wie der polemische Kontext zeigt (Vers 155, f). Die Pointe der Bestreitung der Kreuzigung Jesu ist mithin eine doppelte. Negativ-polemisch besteht sie darin, anmaßende jüdische Behauptungen in Bezug auf Jesus zurückzuweisen. Gott lässt – genauso wenig wie schon bei Abraham, Mose und bei Muhammad in Mekka – zu, dass seinem Gesandten Jesus auch nur ein Haar gekrümmt werde. Die Pointe des Kreuzigungsverses besteht positiv-bestätigend darin, das deus semper maior (Gott steht über allem) gegenüber jeder Form menschlicher Opposition gegen Gott und seinen Gesandten zu erweisen.

(6) Der Koran enthält keine Angaben darüber, wo und wie, wann und in welchem Alter Jesus stirbt. Deshalb und auf Grund ihrer Implikationen für die Eschatologie ist die Frage nach Jesu Tod muslimischerseits höchst umstritten. Eindeutig ist der Koran nur insofern, dass Jesus als Mensch sterblich ist. Denn Gott hat keinem Menschen Unsterblichkeit verliehen (Sure 21:34, f). Die eindeutigste Aussage zum selbstverständlichen Sterbenmüssen Jesu findet sich in Sure 19:33, wo Jesus von sich selber sagt: »Friede sei über mir am Tag, da ich geboren wurde, und am Tag, da ich sterbe, und am Tag, da ich wieder zum Leben erweckt werde.« An zwei anderen Stellen aus medinischer Zeit ist nicht vom »Sterben« Jesu, sondern von seinem »Abberufenwerden« die Rede (Sure 3:55; 5:117). Diese Wendung kann unterschiedlich verstanden werden. Entweder so, dass Gott (den schlafenden) Jesus unmittelbar ergreift und von der Erde wegnimmt, sodass Jesus lebend zu Gott erhöht wird, ohne vorher gestorben zu sein. Diese klassisch islamische Deutung steht unter der dogmatischen Voraussetzung, dass Jesus derzeit im Himmel weilt, um eines Tages wiederzukommen und erst nach Erfüllung seiner endzeitlichen Mission zu sterben (worüber aber der Koran selber nichts Eindeutiges sagt). Oder Jesus wird in dem Sinne »abberufen«, dass Gott Jesus aus der Todesgefahr befreit und ihn erst nach Ablauf seiner Lebensfrist eines natürlichen Todes sterben lässt, um daraufhin allein seine Seele – wie die aller gläubig Gestorbenen – zu sich zu nehmen. Die unbestreitbare Stärke dieser zweiten Interpretation ist, dass sie weder von dogmatischen Voraussetzungen noch vom Streben nach Harmonisierung mit christlichen Auffassungen beeinflusst ist, sondern primär den koranischen Sprachgebrauch berücksichtigt. Der Ausdruck »abberufen werden« meint sachlich nichts anderes als »sterben lassen«, aber so verstanden, dass der Mensch nicht einfach stirbt, sondern Gott als der Herr über seine Lebenszeit ihn sterben lässt und ihn in diesem Sinne zu sich abberuft. Dieser Deutung ist zusammen mit zahlreichen zeitgenössischen islamischen Kommentatoren der Vorzug zu geben. Jesu »Abberufung« und »Erhöhung« hat im Koran nichts mit Auferstehung, Entrückung oder Himmelfahrt zu tun, sondern beschreibt lediglich, dass Jesus wie alle übrigen Geschöpfe am Ende zu Gott, dem Ursprung des Lebens, zurückkehrt.

(8) Jesu Auferweckung geschieht dem Koran zufolge und anders als nach christlicher Auffassung nicht schon in der Zeit, sondern erst am Ende der Zeiten, im Kontext des Tages des Jüngsten Gerichts. Jesus kommt gleichwohl eine besondere Würde zu, nicht nur in der irdischen, sondern auch in der himmlischen Welt. Er ist ein Angesehener, ein Herrlicher, ein Geehrter in Gottes Nähe (Sure 3:45). Jesus ist dem Koran zufolge nicht etwa Richter zur Rechten Gottes – eine Auffassung, die sicher auch der historische Jesus zurückgewiesen hätte. Vielmehr ist er der eschatologische »Zeuge« (shahîd) Gottes in Bezug auf die Christen, wie auch die anderen Glaubensgemeinschaften ihre eigenen Zeugen haben. Sure 4:159 sagt von Jesus: »Am Tag der Auferstehung wird er über sie Zeuge sein.« Darüber hinaus gehört zur Prophetologie des Koran, dass Gott im Endgericht von seinen Gesandten Rechenschaft fordert (Sure 33:7, f). Jesu Funktion im Endgericht wird bestimmt von seiner Rechenschaftspflicht Gott gegenüber für sein Wirken als Dessen Gesandter. Davon handelt Sure 5:116-119: ausführlich wird ein Gespräch Gottes mit Jesus, des Sendenden mit dem Gesandten, zitiert, das sich im Zusammenhang des Endgerichts oder bereits unmittelbar nach Jesu Tod abspielt. Es zeigt gewisse Ähnlichkeit mit Joh 17,1-8 (Abschiedsgebet Jesu)! Die letzten Worte Jesu in diesem Dialog mit Gott sind ebenso wie die ersten Worte Jesu als Kind eine Zusammenfassung seiner Botschaft. Diese ist wie die aller Propheten ausschließlich auf Gott bezogen. Er und keiner sonst ist Herr und König, Mächtiger und Weiser. Jesu Größe hängt nicht vom Erfolg seiner Sendung ab. Sie besteht in seiner gehorsamen Treue gegenüber Gottes Auftrag und in der Wahrhaftigkeit, mit der er sich Ihm unterordnet.

(9) Jesus ist ganz und gar der Mensch Gottes und als solcher in seinem Sein, Tun und Reden ein Gotteszeichen. Man kann die theozentrische Christologie des Koran eine Zeichen Christologie nennen. Als solche gehört sie in den größeren Kontext der koranischen Zeichen-Theologie, die für den Bereich der Natur derselben Intention folgt wie die Prophetologie im Kontext der Geschichte, sind doch Natur und Geschichte dem Koran zufolge gleichermaßen Bereiche der Offenbarung Gottes. Die Zeichen-Theologie besagt, dass die gesamte Schöpfung voller »Zeichen« (âyât) ist, die auf Gottes Güte und Allmacht verweisen. Alles, was ist, ist ein Fingerzeig auf Gott hin, damit der Sehende sehe, damit der Hörende höre, damit der Verständige seine Vernunft gebrauche, damit der Mensch anhand dieser Zeichen Glaube und Dankbarkeit lerne. Die koranische Christologie kann in diese natürliche Zeichen-Theologie eingeordnet werden. Explizit wird Jesus dreimal ein göttliches »Zeichen« (âya) für die Welt bzw. die Menschen genannt (Sure 19:21; 21:91; 23:50). Jesus hat nicht nur Wunder als Zeichen der Allmacht und Güte Gottes vollbracht, sondern er selbst in seiner ganzen Person ist ein Zeichen dieser Allmacht und Güte. Jesus ist ein »Fingerzeig« Gottes. Aber eben Gottes! Jesus weist stets, wie es im Wesen des Zeichens und auch des Gesandten begründet liegt, von sich selber weg, hin auf Gott. Jesus – der Zeigefinger hin auf Gottes Güte und Allmacht, so möchte ich die Pointe der koranischen Christologie zusammenfassen. Mit Rainer Maria Rilke zu sprechen (in: Der Brief des jungen Arbeiters): »Da wäre ja sonst das Alte Testament noch besser dran, das voller Zeigefinger ist auf Gott zu, wo man es aufschlägt, und immer fällt einer dort, wenn er schwer wird, so grade hinein in Gottes Mitte. Und einmal habe ich den Koran zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber so viel verstand ich, da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende seiner Richtung. (…) Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen.«