Muslimisch und Liberal

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Lamya Kaddor (Hg.), Muslimisch und Liberal. Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht, München: Piper Verlag,  2020, ISBN 978-3-492-07009-6, 320 Seiten, € 22,00

Rezension von Ralf Lange-Sonntag
(Referent für interreligiösen Dialog und die Beziehungen zu den Kirchen im Nahen und Mittleren Osten der Ev. Kirche von Westfalen)*

Im Mai 2010 wurde der Liberal-Islamische Bund gegründet, dessen Ziel es war und ist, eine „vernunftoffene Gläubigkeit“ (S. 13) in den Mittelpunkt der theologischen und gesellschaftlichen Bemühungen zu stellen und damit einen liberalen Islam in Deutschland sichtbar zu machen. Zum zehnjährigen Jubiläum legt nun die damalige Gründungsvorsitzende Lamya Kaddor ein Lesebuch zum liberalen Islam vor. Die Beiträge der 20 darin versammelten Autorinnen und Autoren zeigen, dass sich der Liberal-Islamische Bund in Deutschland mittlerweile etabliert hat, obgleich sein Einfluss weiterhin begrenzt bleibt. Vor allem geht es Kaddor und ihren Mitautor*innen darum, die Vorwürfe zu entkräften, dass die Begriffe „muslimisch“ und „liberal“ unüberbrückbare Gegensätze darstellten. In der Tat verwerfen liberale Muslime weder den Koran noch die Tradition, aber: „Glaubensgrundlagen müssen im Spiegel des jeweiligen Fortschritts und des jeweiligen gesellschaftlichen Wandels betrachtet werden… Liberale Muslim*innen verstehen ihre Religion dahingehend zeitgemäß und arbeiten ununterbrochen daran, …ihre bis zu 1400 Jahre alten Glaubensquellen … in die demokratische, pluralistische und emanzipatorische Gegenwart mitzunehmen, um sie auch für die Zukunft zu bewahren.“ (S. 15)

Mit dieser Zielvorgabe sind implizit auch die wichtigsten Themenbereiche eines liberalen Islam genannt, die sich dann auch explizit in der Einteilung des Werkes in drei Bereiche wiederfinden. Mit der Frage, wie der Koran als Schrift des siebten Jahrhunderts heute verstanden werden kann, beschäftigen sich die koranhermeneutischen Zugänge. Der zweite Bereich liberal-islamischen Denkens kreist um gesellschaftspolitische Zusammenhänge, während der abschließende dritte Teil genderspezifische Zugänge fokussiert. Diese Bereiche lassen sich jedoch nicht klar voneinander abgrenzen: Die Frage nach der Beziehung zwischen Islam und Menschenrechte, die der Jurist Waqar Tariq stellt, ist nicht nur eine Frage der Hermeneutik, sondern auch eine gesellschaftspolitische. Ebenso ist die Behandlung des Themas Kopftuch (Lamya Kaddor) nicht möglich, ohne die Frage der Hermeneutik einzubeziehen. Warum das „Plädoyer“ der Anglistin und Journalistin Jasamin Ulfat-Seddiqzai „für den Kulturmuslim“ (S. 256ff.) unter den genderspezifischen Zugängen eingereiht ist, erschließt sich hingegen nicht.

Wie für ein Sammelwerk nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Beiträge von sehr unterschiedlicher Qualität. Enttäuschend ist der Beitrag von Harry Harun Behr, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Islam an der Goethe-Universität Frankfurt, zum Begriff der Freiheit im Koran (S. 55ff.). Seine Exegese wirkt willkürlich und ist letztlich nicht nachvollziehbar. Horizonterweiternd ist dagegen der Beitrag von Leyla Jagiella, die mit Verweis auf ihre Biographie die oft – auch im liberalen Islam – behauptete Widersprüchlichkeit von Kultur und Islam dekonstruiert: Islam ist von Kultur nicht zu trennen, so dass Missstände nicht einfach nur der Kultur zur Last gelegt werden könnten, von der sich ein „reiner“ Islam in idealer Weise abhebe. Das Verhältnis von Kultur und Islam ist komplexer: Es gibt „für keinen Menschen die Möglichkeit, Gott und Islam jenseits seiner eigenen Subjektivität wahrzunehmen. Das aber schließt auch immer die eigene kulturelle Prägung mit ein.“ (S. 272). In Umkehrung der geläufigen Argumentation zeigt Jagiella auf, dass „gerade ‚Kultur‘ eine wichtige Rolle dabei gespielt (hat), zentrale muslimische Ideen immer wieder in neuer Form lesbar und sichtbar zu machen“ (S. 280).

Die derzeitigen Chancen und Schwierigkeiten des liberalen Islams fasst Rauf Ceylan, Professor für gegenwartsbezogene Islamforschung an der Universität Osnabrück, in seinem Artikel zum Verhältnis des liberalen Islam zu den etablierten muslimischen Verbänden treffend zusammen: „Durch die aktive Partizipation im öffentlichen Diskurs sind sie (die liberalen Muslime, Zusatz des Rezensenten) zwar sehr präsent und verfügen über entsprechendes intellektuelles Kapital, doch fehlen ihnen personelle und finanzielle Ressourcen, um ihre Macht im religiösen Feld auszubauen.“ (S. 167)

Zusammenfassend betrachtet gibt das von Lamya Kaddor vorgelegte Lesebuch einen guten Überblick darüber, was den liberalen Islam (in Deutschland) ausmacht und welches seine Kernthemen sind. Es ist zudem erstaunlich, wie vielfältig und divers liberal-islamische Positionen sein können, bis hin zur Infragestellung des Labels „liberal“ (so Andreas Ismail Mohr, S. 236). Bezeichnend ist, dass kaum eine*r der Autor*innen eine klassische/traditionelle muslimische Ausbildung vorzuweisen hat, sondern dass viele zumindest ihre erste berufliche Ausbildung im säkularen Bereich erhalten haben. Auf der anderen Seite ist klar erkennbar, dass in den letzten Jahren eine stattliche Zahl liberaler Muslim*innen an den Universitäten angekommen ist und die Ausbildung kommender muslimischer Generationen prägen wird. Der liberale Islam ist damit aus dem Spektrum des Islams in Deutschland nicht mehr wegzudenken.

*Erstveröffentlichung im Kirchlichen Amtsblatt der Ev. Kirche von Westfalen Teil II – Ausgabe 2/2021, S. 18-19.