Goethe und der Koran

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Der zweifelsohne größte deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe ist ein Phänomen. Er verfügte nicht nur über den größten Wortschatz im deutschen Sprachgebrauch von über 90 Tausend Wörtern, sondern erarbeitete sich auch schon vor 200 Jahren reiche Kenntnisse von der Welt des Orients und des Islams. „Unter allen Dichtern deutscher Sprache hatte Goethe das leidenschaftlichste und zugleich kenntnisreichste Interesse für die Welt des Orients, und zwar nicht nur für deren Geschichte, Kultur und Literatur, sondern auch für deren Religion, den Islam, der diese Welt geprägt hat.“ so Karl-Josef Kuschel. Als ein genialer Gelehrter hat Goethe den deutschen Geist zutiefst geprägt.

Etwa vor drei Jahren bin ich seinen Spuren in Weimar, Stützerbach und Karlovi Vary (Tschechien) gefolgt und habe sein Wirken an diesen wunderschönen Ortschaften mit großer Begeisterung nachverfolgt. Goethes Wanderwege in Thüringer Wäldern waren traumhaft. In den Museen erfährt man, was für ein produktiver Geist und ein „ever adventurous learner“ (M. Bidney) er war. Im Weimarer Museum hatte ich u.a. die Erstausgabe seines Buches „West-östlicher Divan“ und seine Schreibübungen in Arabisch gesehen.

Was mich zu dieser Erinnerung geführt hat, ist das ganz frisch erschienene Buch „Goethe und der Koran“ von Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel und Shahid Alam (Patmos). Mein erster Eindruck: Das Werk von 432 Seiten wirkt nicht wie ein übliches Buch, sondern wie ein Nachschlagewerk, in dem Literatur, Kunst und Religion ineinander verflochten sind. In diesem Buch wird die Begegnung Goethes mit dem Koran von einem fachkundigen Autor und exzellenten Künstler hervorragend dargestellt. Durch die Einbeziehung von Kalligrafien von Alam, dem Künstler pakistanischer Herkunft, wird eine zusätzliche künstlerische Deutung der Texte dargeboten.

Copyright: Shahid Alam (Aus dem Buch) “Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.” Goethe, West-östlicher-Divan

Das Buch wird in vier Kapiteln und einen Epilog eingeteilt, die mit einem kalligrafisch gestalteten Titelblatt des Künstlers von Alam anfangen. Im ersten Kapitel handelt es sich um die Koran-Studien des jungen Goethe. Das zweite beschäftigt sich mit der Tragödie des Propheten Muhammad. Im dritten Kapitel handelt es sich um den Koran im „West-östlichen Divan“ und im vierten um Goethes „Islam“. Im Epilog zieht Kuschel ein Resümee über die Herausforderungen der Gegenwart im Sinne des interkulturellen Dialogs.

Kuschel ist es bewusst, dass die Vergegenwärtigung von Goethes Texten heute in eine dem Islam gegenüber politisch aufgeheizte, ja teilweise vergiftete Zeit hinein wie ein Meteorit aus Himmelshöhen fällt. In Bezug auf die Debatten um Islam und Muslime ist es tatsächlich wie ein richtungsweisender, positiver Meteorit. Aber wenn das Islam-Bild so vergiftet ist, sind in erster Linie Muslime dafür verantwortlich.

Goethes Interesse am Islam

Über Goethe und sein großes Interesse am Koran/Islam wurden etliche Forschungen und Studien durchgeführt. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es den Lesern durch eine kompakte Dokumentation aller relevanten Texte Goethes zum Thema Islam/Koran, ob in einem Dramenentwurf, in Gedichten, autobiografischen Zeugnissen, Abhandlungen oder Selbstanzeigen, in einer Übersicht zugänglich macht und so eine direkte Urteilsbildung erleichtert. Die Spurensuche beginnt im Frühwerk und zieht sich bis ins Spätwerk. Die Texte werden aus ihrem Zeitkontext heraus fachlich fundiert kommentiert und mit dem eigenen kulturellen Niveau selbstkritisch verglichen. So kann man die Interessen Goethes am Islam in seinem Werdegang nachfolgen. Über die Spekulation, die unter Muslimen gerne verbreitet wird, ob er den Islam angenommen habe, kann man sich seine eigene Meinung bilden. Wenn man im Buch die eigenhändige Abschrift Goethes der 114. Sure des Korans sieht, heißt das ja nicht, dass er den ganzen koranischen Inhalt akzeptiert hat. Es ist aber sehr interessant, dass mehrere Auszüge aus 10 Koransuren von Goethes Hand überliefert wurden, als er erst 21/22 Jahre alt war. Im Buch kann man den gesamten Text lesen, der auf die Zeit von 1772/73 datiert ist.

Copyright: Shahid Alam (Aus dem Buch)

Die Tatsache, dass die großen deutschen Literaten wie Goethe, Gotthold Ephraim Lessing, Gottfried Herder, Friedrich Rückert, Annemarie Schimmel zur Völkerverständigung einen immensen, nachhaltigen Beitrag geleistet haben, hat mich sehr beeindruckt. Wenn ich denke, wie der Islam heutzutage unter islamistischen und salafistischen Strömungen sowie Islamfeindlichkeit leidet, versuchten sie vor 200 Jahren einerseits trotz vieler sozialer Krisen in der damaligen islamischen Welt, andererseits trotz heftiger Hetzerei und Ketzerei im eigenen Land mit dem Islam gerecht umzugehen. Der Grund dafür könnte die dynamische, tolerante Kultur des Orients in Zeiten der Aufklärung sein. Denn Lessing stellt den Islam als „Religion der Vernunft“ heraus. Herder beschreibt ihn als eine Religion der Poesie. Von Herder lernt Goethe das Unverwechselbare an Muhammad besser verstehen: Er war ein Prophet, aber zugleich auch ein Poet. Dem Autor zufolge sei das früheste Zeugnis für Goethes Kenntnis des Korans in einem Brief an Herder zu finden. Er schreibt ihm am 10. Juli 1772: „Ich mögte beten wie Moses im Koran: Herr mache mir Raum in meiner engen Brust. (…)“ Die Koran-Studien des jungen Goethes werden im Buch ausführlich erläutert.

Goethe: Der Koran ist ein Sprachdenkmal

Die erste Koranübersetzung ins Deutsche direkt aus dem Arabischen stammt von einem Islamhasser namens Friederich Megerlin (1698-1778). Kuschel berichtet detailliert über das Wirken seiner Koranausgabe in 1770er Jahren, wo der Koran sehr negativ im Kontext des osmanischen Reiches und seiner Belagerung Wiens (1683) sowie seines Krieges mit Russland zwischen 1698-1774 dargestellt wird. Megerlin beschreibt den Koran als Lügenbuch und den Propheten als Antichrist bzw. Betrüger. Das war auch das damalige Islam-Bild besonders in Kirchenkreisen.

Diese islamfeindlich geprägte Übersetzung des Korans findet aber bei Goethe keine Anerkennung. Öffentlich kritisiert er die Übersetzung und setzt selbst bestimmte Kriterien für eine mögliche Koranübersetzung. Er übersetzt sogar einige Koranstellen aus dem Lateinischen und geht mit dem koranischen Inhalt sehr selektiv um. Goethe nimmt den Koran im Geiste Herders als Sprachdokument einer Weltkultur und den Islam als „Gottesvertrauen plus gute Werke“ wahr. Er notiert u.a. die Koranstellen (5:70), wo es sich um die Schriftbesitzer und ihre Lage im Jenseits handelt sowie vom Paradies die Rede ist.

Eigenhändige Abschrift Goethes der 114. Sure des Korans (aus dem Buch)

Kuschel erläutert all die möglichen Quellen, über die Goethe vieles über den Islam erfahren haben soll und mit denen er sich inhaltlich auseinandergesetzt hat. Danach lässt sich Goethe von koranischen Inhalten inspirieren und gibt er einige Formulierungen in seinen Werken wie „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) und „Ur-Faust“ (1773-75) wieder. Goethe legt „seinem Faust das Wort in den Mund, das fast bis in den Wortlaut identisch ist mit dem, was Goethe seinen Mahomet sagen lässt.“

Katharina Mommsen bringt es auf den Punkt: Goethe habe sich bei aller „Schätzung des Korans als Sprachdenkmal“ vornehmlich durch religiöse Affinitäten zum Koran hingezogen gefühlt: „Hauptpunkte der islamischen Lehre, wie sie der Koran verkündet, stimmten mit seinen eigenen religiösen und philosophischen Überzeugungen überein. Diese Hauptpunkte waren: die Lehre von der Einheit Gottes, die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur offenbare und dass er durch verschiedene Abgesandte zur Menschheit spricht, das Abweisen von „Wundern“ und die Auffassung, dass Religiosität sich in wohltätigem Wirken erweisen müsse. All diese innerlichen Übereinstimmungen Goethes mit dem Islam schufen ein Verwandtschaftsgefühl der besonderen Art, intensiv genug, dass man sagen darf: ohne diese Affinitäten wäre der West-östliche Divan schwerlich entstanden.“ Kuschel gibt viele Hintergrundinformationen über die Entstehungsphase und den Inhalt dieses Buches, das 239 Gedichten, 43 davon in der Ausgabe 1827 hinzugefügt, besteht. Er analysiert systematisch seine geistige Reise rund um den Islam anhand der Gedichte. Erst im Jahr 1814 nahm Goethe die besondere Gedichtsammlung, nämlich die deutschsprachige Übertragung des „Diwan“ vom muslimischen Poeten Schemsed-din Hafis (1315-1390) als Geschenk von seinem Verleger in die Hand. In den Jahren 1814-1819 verfasste Goethe seinen „Divan“, nachdem er sich auf einen geistigen Dialog mit Hafis, den er öffentlich seinen „Zwilling“ nannte, eingelassen hatte. Mehr möchte ich hier verraten.

Goethes Reaktion auf Voltaires „Mohammed“-Tragödie 

Ebenso betrachten kann man Goethes positive Haltung (wie auch die von Lessing) als Reaktion auf die „Mohammed“-Tragödie von Voltaire (1741). Denn die beiden Literaten haben später dieses Stück in Leipzig auf der Bühne gesehen und erkannt, dass es „ein Rückfall in Muster von Verachtung und Verwerfung des Propheten und seiner Religion“ sei. Sie distanzieren sich von diesem negativen Propheten-Bild. Zusammen mit den Abschriften aus dem Koran beginnt Goethe 1772/73 mit der Ausarbeitung eines Dramas über den Propheten Muhammad, den er neben „Cäsar“ von Persönlichkeit und Wirkung her als eine wichtige Figur sieht. Dabei lässt er sich höchstwahrscheinlich von Voltaire inspirieren. In diesem fünfaktigen Entwicklungsdrama wollte er den Propheten im Geist des „Sturm und Drang“ als schöpferisches Genie beschreiben, in seiner Entwicklung: von einem Gottsucher über einen Offenbarungsträger bis hin zum Staatsmann und Feldherrn. Doch die fünf Akte bleiben unausgeführt. Zwei Fragmente des Projekts haben sich erhalten und sind auch im Buch nachzulesen. Beim Umgang Goethes mit dem Islam spielt auch die Stimmung der Aufklärung in Bezug auf „Toleranz“ und den Kampf gegen ungeprüfte Vorurteile und negative Werturteile eine bedeutende Rolle.

Der junge Goethe, ein kritischer Geist, ist auch stark beeinflusst von dem Buch „Kirchen- und Ketzer-Historie“ des Theologen Gottfried Arnold (1666-1714). Hier wird der Prophet Mohammed als ein Mensch, der „von natur zu tiefsinnigem nachdenken und einsamem leben geneigt“ habe. Die Botschaft des Propheten vor der „Gewissenfreiheit“ in Sachen Religion wird hochgeschätzt. Wie Goethe diese Gesinnung teilt, wird im Buch zitiert.

Aber dann erhält Goethe einen prekären Auftrag. Er soll auf Wunsch des Weimarer Herzogs Carl August das Stück von Voltaire übersetzen. Er tut es 1799 widerwillig. Da er den Propheten nicht in dem Maße verachten möchte, übersetzt er das Voltaire-Stück – nach Austauschen mit Schiller-, bearbeitet es und entschärft es dabei stellenweise. Selbst vom Ehepaar Herder wird das überarbeitete Stück wegen der Prophetenverachtung nach der Aufführung in Weimar heftig kritisiert. In seinem eigenen Stück wollte er eigentlich alles „in einer dialektischen Ausgewogenheit“ verfassen. Besonders im Verlaufe von 25 Jahren zwischen der Französischen Revolution (1789) bis zum Jahr 1814, wo Napoleon mit seiner Kriegslust zunächst in Ägypten und Syrien, dann in Europa und Russland weitgehend geprägt hat, hat bei ihm zu einem gewissen geistigen Wandel geführt. Daher kann die Bewunderung Goethes viele Muslime zu Irre führen, wenn Goethe zugleich eine kritische Distanz zum Propheten hat und z.B. Napoleon den „Mahomet der Welt“ nennt. Im Buch kann man diese geistige Wandlung anhand der originellen Texte Goethes erschließen.

Copyright: Shahid Alam (Aus dem Buch)

Die erste Begegnung mit Muslimen

Die Stelle, an der Goethe Anfang Januar 1814 in seinem Leben zum ersten Mal mit Muslimen, und zwar vor dem „Diwan“ von Hafis begegnen konnte, fand ich sehr interessant. Die Begegnung findet in seiner Stadt Weimar statt, wo sich verbündete russische Truppen nach der Völkerschlacht von Leipzig im Oktober 1813 aufhalten, darunter baschkirische Soldaten muslimischen Glaubens. Seine Eindrücke erzählt er später begeistert in einem Brief. Goethe nimmt am Freitagsgebet teil, lägt auch eine Abordnung der Besucher in sein Haus, bewirtet sie und tauscht Geschenke mit ihnen aus. Was für ein Glückserlebnis derjenigen Muslime…

Goethes Botschaft für heute

Wenn Goethe heute in Deutschland mit etwa fünf Millionen Muslimen zusammenleben oder in einer muslimisch geprägten Gesellschaft leben würde, hätte er sich auch durch die gleiche Affinität zum Islam hingezogen gefühlt? Die Antwort auf diese Frage hängt aber eng davon ab, aus welcher Perspektive man mit einer Religion umgeht. Damals befanden sich der Islam und die Muslime in einer negativen Situation. Es gab eine sehr negative Stimmung gegenüber dem Islam und den Türken. Aber Goethe, Herder und Lessing sind mit intellektueller und sozialer Verantwortung mit der Sache umgegangen. Sie haben die Toleranz und die Wertschätzung auf geistiger Ebene hervorgehoben und nicht die theologisch-normativen Inhalte diskutiert. Nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich klar sagen, dass der Islam auf jeden Fall zu Goethe gehört. Gehört aber Goethe heute zu Muslimen? Das ist die entscheidende Frage!

Wenn Muslime die ästhetisch-ethische Ebene anstatt des theologisch-normativen Aspekts hervorheben und eine ernsthafte Affinität zu demokratisch-pluralistischen Werten zeigen könnten, würden sie einen großen Beitrag leisten zur Lösung der Probleme rund um den Islam. Das gelungene Buch bietet uns einige Impulse, welchen Weg wir einschlagen sollen. Die bindende Kraft der Literatur und Kunst scheint auf jeden Fall dazu zu gehören.

In Weimar steht ein Denkmal, das aus zwei aus Granit gehauenen leeren Stühlen besteht, die symmetrisch in zwei Teile geschnitten sind. Durch diese Stühle wird die geistige Freundschaft Goethes mit dem Poeten Hafis symbolisiert. Hier zwischen Ilm und der Altstadt wird der Osten mit dem Westen verbunden. Mich hat das Denkmal für diese beiden Menschen, die Freundschaft über Zeit, Raum, Religion und Kultur hinaus schlossen, sehr beeindruckt.

Könnte man nicht auch Kuschel und Alam statt Goethe und Hafis auf diesen Stühlen sitzen sehen? Diese beiden leeren Stühle böten ihnen einen angemessenen Platz, den sie sich mit ihrem Wirken wirklich verdient hätten. Denn sie haben zu einem außergewöhnlichen interkulturellen Dialog gefunden und daraus ist dieses schöne Buch zur Völkerverständigung entstanden.

Schließen möchte ich mit einem Auszug aus einem Essay von mir nach dem Besuch in Weimar: Hinter einem der Stühle steht unten ein Gedicht von Goethe:

„Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen.
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.“

Dieses wertvolle Erbe Goethes stellt einen Reichtum für die deutsche Gesellschaft dar, wenn man in der Lage ist, dessen Wert zu erkennen. Wenn heutzutage der Westen und der Osten getrennt und sogar in Konflikt geraten sind, hat dies auch damit zu tun, dass die Gesellschaften aus beiden Lagern sich selbst und die anderen nicht genug kennen.

Muhammet Mertek