Politischer Islamismus – Stresstest für uns alle

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Wieso ist der Islam besonders in den letzten Jahrzehnten weltweit umstritten und steht an erster Stelle auf der Tagesordnung? Weshalb sind fast alle muslimischen Länder in vielerlei Hinsicht weniger entwickelt als westliche Länder? Ist der Islam eine Religion, die ihren Anhängern politische Macht verspricht? Erst nach einer sachlichen Antwort auf diese Fragen kann verstanden werden, was gegenwärtig im Islam und bei seinen Anhängern vor sich geht.

Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter behandelt in ihrem neu erschienenen Buch „Politischer Islam-Stresstest für Deutschland“ (Gütersloher Verlag) viele Aspekte des Islams, die mit diesen Fragen zu tun haben und die mögliche Antworten darauf geben.

Besonders die Hintergründe und Folgen der (Fehl-)Entwicklungen in der islamischen Welt beschreibt sie sehr informativ und hellsichtig.

Fast alle Richtungen des politischen Islams und ihre Ursprünge werden kompetent und verständlich dargelegt, manchmal oberflächlich, manchmal mit interessanten Bezügen. Die sunnitischen und schiitischen Varianten werden fachkundig analysiert.

Die wesentlichen Elemente werden von Schröter in vier Bereiche unterteilt und erläutert: den der Politik, den des Rechts, den der Geschlechterverhältnisse und den der Gewalt.

Insgesamt werden die politischen Entwicklungen in der muslimischen Welt im 20. Jahrhundert sehr ausführlich behandelt. Durch die Begriffe „naher Feind“ und „ferner Feind“ wird die Etablierung der dschihadistischen Internationale erläutert. Der nahe Feind ist der Kampf „gegen die europäischen Kolonialmächte, die von muslimischem Territorium vertrieben werden sollten, oder gegen eine ungläubig denunzierte postkoloniale Regierung. Ein führender Ideologe des ägyptischen Dschihadismus ist Abd as-Salam Faradsch, der dazu aufrief, politische Führer zu eliminieren, wenn diese sich vom wahren Glauben abgewendet hätten.“ Die zweite Phase des Dschihad, des Kampfes gegen den „fernen Feind“, begann Ende der 1990er-Jahren. Diese Doktrin geht auf den Palästinenser Abdallah Azzam zurück. Zu den weniger bekannten Beziehungen von dessen Bewegung zu Osama bin Laden und zu der anfänglichen Unterstützung der USA für den Kampf gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan kann man sich in Schröters Buch ausführlich informieren.

Im Bereich der Geschlechterverhältnisse werden die islamische Kleiderordnung und das Thema „Frau“ von „Ehrenmord“ bis „Kopftuch als Symbol der Unterdrückung“ detailliert dargestellt. Kurz vor der Veröffentlichung ihres Buches hatte Susanne Schröter im Rahmen einer Veranstaltung über das Kopftuch eine bundesweite Diskussion ausgelöst, was ich persönlich auch ein bisschen provokant fand. Ich kann ihre Behauptung „religiöses Mobbing von Mädchen, die kein Kopftuch tragen, gehört mittlerweile zum Schulalltag“ (S.261) nicht teilen. Das schmälert aber nicht meine Wertschätzung ihres Buches.

Ein weiteres, problematisches Merkmal der islamischen Tradition ist der islamische Antisemitismus. Man darf nicht ignorieren, dass man antisemitische Züge in islamischen Hauptquellen finden kann. Im Buch sind etliche Beispiele dafür gegeben. Unter den Muslimen, die vom politischen Islam geprägt sind, sind Verschwörungsmythen ein gängiges Thema; auch damit muss man sich differenziert und reflektiert auseinandersetzen.

Nach dem Lesen des Buches wird es im Ganzen klar, dass viele Muslime mit Pluralismus, Liberalismus und Säkularismus große Probleme haben. Dies liegt vor allem an der Lesart des Korans und an dem Umgang mit der islamischen Religion. Viele muslimischen Gemeinden stehen für einen Identitäten-Islam, der Muslime klar von anderen Menschen abzugrenzen sucht. Diese Betonung der Identität begründet sich im Widerspruch zwischen der gegenwärtig erlebten Realität und einer besseren, z.T. verklärten Vergangenheit. Drei Gesichtspunkte sind dabei für Muslime maßgebend: Der Islam mit den Hauptquellen, die idealisierte „Zeit der Glückseligkeit“, auch die nachfolgende Epoche der vier „rechtschaffenen Kalifen“ und die goldene Zeit des Islams im Mittelalter, in der die muslimische Gelehrsamkeit einen immensen Vorsprung vorwies. In Zeiten der katastrophalen Entwicklungen, wie der Zerstörung Bagdads, des Zentrums der Hochkultur durch die Mongolen oder nach den militärischen Niederlagen des osmanischen Reiches ab dem 17., besonders dem 19. Jahrhundert oder auch nach der Kolonialzeit, sah man in vielen muslimischen Ländern nur noch einen Ausweg in der Rückbesinnung auf den Islam. Schröter führt dazu ein sehr treffendes Beispiel an, nämlich wie der Wahhabismus aus dem Gedankengut Ibn Taymiyyas und Ahmad ibn Hanbals entstanden ist und sich als eine islamistisch-salafistische Bewegung etabliert hat. Hier wird der Islam als ein Rettungsanker betrachtet, der aus der misslichen Lage befreien sollte, wobei sich diese Art der Betrachtung zu einer traditionell-orthodoxen oder salafistischen Lesart entwickelte, die sich nicht auf die Entwicklung der fortschreitenden realen Welt einstellen konnte. Die orthodoxen Vertreter der islamischen Religion haben sich im Zuge dieser Entwicklung immer dagegen verwahrt, dass Muslime eine Aufklärung bräuchten, weil sie der Meinung waren, dass der Islam in seiner Blütezeit eine Aufklärung im wissenschaftlichem Sinne durchlaufen habe. Die rationale Herangehensweise an islamische Normen wurde als „abtrünnige Schule“ aus der Gemeinschaft verdrängt.

Als Kennzeichen fast aller Richtungen, die ideologisch mit dem politischen Islam zu tun haben, wird von Schröter insgesamt zutreffend hervorgehoben, dass sie explizit antisemitisch, homophobisch, demokratiefeindlich und antiwestlich ausgerichtet seien.

Die zehn Kapitel im Schröters Werk lassen sich somit auch als eine Art „Sündenmappe“ der Muslime wahrnehmen, da sie alle negativen Ereignisse sowie Diskurse um den politischen Islam herum zusammenfassend darstellt. Dabei werden fast alle Fehlentwicklungen im Islam im Verlauf der Geschichte prägnant und mit fundierten Belegen behandelt.

Wie sich die von Muslimen begangenen Fehler und ihre Folgen in Deutschland und weltweit auswirken, wird im Buch ausführlich dargestellt. Schröter kritisiert viele Entwicklungen und Auffassungen, an mehreren Stellen sogar sehr scharf. Dies bringt die Gefahr mit sich, dass viele Muslime solche Kritik als Angriff gegen den Islam und die Muslime wahrnehmen. Man fragt sich dann, ob Muslime überhaupt nicht etwas Positives geleistet haben?

Der politische Islam ist ein Phänomen, das für unser Zusammenleben bedrohlich zu sein scheint. Aber wir müssen auch mit diesem Phänomen differenzierter umgehen. Denn viele Muslime bemühen sich friedfertig zu leben. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem extremistische Kreise lauter sind und in den Medien leider mehr Platz finden als die friedfertige muslimische Mehrheit.

Das Buch, das über die Ursprünge, Erscheinungsformen, Organisationen und Akteure des politischen Islams informiert, ist auf jeden Fall für alle, die sich für den Islam interessieren – besonders auch Pädagogen und Behörden, die beruflich mit Muslimen zu tun haben – empfehlenswert. Denn es geht um einen schwierigen Stresstest für uns alle… Gerade weil Muslime derzeit zu wenig in der Lage sind, allein mit dieser großen Herausforderung fertig zu werden und aus der tiefen Krise mit eigenen Kräften herauszukommen.

Eine differenzierte Aufklärungsarbeit, ohne Muslime und den Islam zu verteufeln, ist die einzige Chance, den Prozess in die richtige Richtung zu steuern.

Muhammet Mertek